Der kybernetische Anthropozän in Gaia

_- Disbalance
hier ist [ziemlich] etwas außer balance. insgesamt, global – kosmisch trau ich mich nicht zu sagen. keine zwei waagschalen von denen eine nach unten, die andere das proportional entsprechende stück nach oben hängt.

so einfach ist es nicht.

es ist nicht simpel, nicht kompliziert – es ist komplex. und dennoch offensichtlich.

ob nun genius malignus, matrix, simulation, determiniertheit, freiheit und all das weitere gedankliche gespiel – tief drin liegt der wunsch nach dem großen sprung. der große sprung aus sich heraus, ja über sich hinaus.

kulturüberkommnis durch naturbeherrschung. totalkontrolle in menschenhand.

der dampf der kolben antrieb, damit mechanische arbeit verrichtet. verpackt in eine hülle, war die maschine mit dampf die hand die hunderte von spindeln zur gleichen zeit schwirren lässt, der fuß der räder schneller drehen lässt als füße sich bewegen können sowie der arm welcher den berg zum rohstoff werden lässt.

der der schneller spindelt, fester tritt und mehr vom berg holt – hat gewonnen [renn schneller!]. so geht das spiel jetzt. optimierung des systems bedeutet optimierung der hände, füße und arme – der ausgelagerten körper, die spindeln, treten und wasser schaufeln. maschine mit dampf, bandmaschine die fließt, maschine die rechnet – kulturüberkommnis durch naturbeherrschung.

[Holo-->] Anthropozän | vom ganzen zum menschen.
die maschine ist gewachsen. einseitig gewachsen. einseitig deswegen weil aktuatoren vor rezeptoren stehen. es geht darum auf die welt einzuwirken,
nicht um sie wahrzunehmen. der alte kampf um beherrschung – kulturüberkommnis durch naturbeherrschung.

die erweiterung des menschen in die welt hinein. so weit, dass nicht mehr zwischen nicht- menschlich oder nicht-menschgemacht und menschlich oder menschgemacht unterschieden werden kann. kultur[überkommnis] ist gleich natur[beherrschung].

kausalketten sind angestoßen und ja, es wird komplex.

ein paar symptome des menschlichen einwirken auf die umwelt, zusammengestellt von peter haff:

# exploitation of a large fraction of the Earths land surface for human purposes, 38% of which was agricultural land in 2009 (–>FAO 2011)
# fixation of more athmospheric nitrogen than fixed by all natural terrestrial processes (–>Vitousek et al 1997)
# appropriation of terrestrial organic material equivalent to 40% of net primary production
# extinction of biological species, which, at the current rate exceeds that leading up to the big five mass extinction events of geological history (occurring at the end of the Ordovician, Devonian, Permian, Triassic and Creatceous periods) (–>Barnosky et al 2011)
# interception by dams of 25-30% of global sediment load (–>Vorosmarty et al 2003)
# impoundment of up to 15% of global runoff (–>Nilsson et al 2005)
# consumption of energy at c.20% of the rate of photosynthetic energy flow through the biosphere (–>Sassoon et al 2009)
# expectation of continuated change in Earth function as a consequence of human activity (–>IPCC 2007)
# further warming of the atmosphere
# shifts in the geographical distribution of species
# continued recession of glaciers
# melting of permafrost
# vanishing of late summer Arctic sea ice
# continued sea-level rise

[krankheits]symptome werden über rezeptoren erkannt. schmerzfrei ist dabei jenes, welches keine rezeptoren für den schmerz entwickelt. schmerzfrei ist ebenso jenes, welches zwar rezeptoren für den schmerz besitzt diese information aber nicht weitergeleitet bekommt. schmerzfrei ist letztlich genauso jenes, welches rezeptoren besitzt, schmerzinformation weiterleitet, jedoch kein subjektives empfinden für schmerz entwickelt. es sind diese drei prinzipiellen stufen des

- sensorischen wahrnehmens
- der weiterleitung
- des verarbeitens und eingliederung in ein bewusstsein |> verantwortung als agent

welche die grundvoraussetzung für eine regelung und damit linderung des schmerzes sind. wenn diese afferente bahn als rückkopplung fehlt, wird kein schmerz empfunden. kein schmerz?, klingt gut. der tod kommt dann jedoch auch recht überraschend schnell und vorherige maßnahmen ihn hinauszuzögern oder gar abzuwenden sind nicht möglich. die fähigkeit schmerz zu empfinden ist also lebensnotwendig. er [der Schmerz] ist teil eines regulierungsystems, genannt homöostat. fehlt dem homöostat die [negative] rückkopplung schaukelt er sich hoch und stirbt.

rezeptoren, weiterleitung und verarbeitung [im sinne einer zuordnung zu einem agenten, der als verantwortlicher in frage kommt] sind voraussetzung um den ist-wert festzustellen, der im folgenden mit dem soll-wert abgeglichen wird. die differenz ist dann wiederum das maß für die rückkopplung welche jeder homöostat benötigt; nenne er sich anthropos, biosphäre [gaia] oder techné. – balance

rezeptoren des menschlichen körpers sind über axone direkt mit der verarbeitungseinheit verbunden. aktionspotenziale, die informationsträger der körperrezeptoren stellen eine direkte zuordnung zwischen stimuliertem rezeptor und einer welt[enti | identi]tät dar. die direkte zuordnung von sensorik und der entsprechenden motorik | „sich in der welt bewegen“ erzeugt wahrnehmung und kybernetische Informationsverarbeitung | closed loop, hard wired.

rezeptoren des anthropozänischen körpers sind systemisch entkoppelt von ihrer welt[enti | identi]tät. die informationsträger der rezeptoren sind multimedial, dezentral verteilt und stellen eine neue dimension aus menschensicht dar. die neue dimension legt ihren anker nicht im menschen sondern in gaia.

die disbalance des anthropozänischen körpers ist tiefgreifend. auf den drei stufen der afferenten anthropozänischen körperbahn, kann eines folgendes analysieren.

sensorisches wahrnehmen | rezeptorebene.
es betrifft das internet der dinge und körper. biologische rezeptoren gepaart mit sensorik [eingebettete systeme] konstituieren die erste stufe der vorherig beschriebenen voraussetzung zur ermittlung des ist-wertes und somit zur ermittlung des nötigen maßes zu einer rückkopplung
[normativ vorgegebene soll-werte werden hier zunächst außer betracht gelassen].
: grundstruktur im aufbau

weiterleitung | informationsübertragung
es betrifft big data und multimediale formate. der anthropozänische körper hat im vergleich zum menschlichen nicht nur aktionspotentiale die in axonen wandern, also unimediale weiterleitung, sondern ist medial offen. dies betrifft sowohl die mediale codierung [analog & propositional] als auch die mediale dimension.
: grundstruktur im aufbau

anthropozänische agentenhaftigkeit
es betrifft das individuum als agierender teil eines weiteren netzwerkes. es betrifft hier genauer, das überkommen von einer dualen vorstellung zwischen einer individuellen welt[enti | identi]tät die abgetrennt von einer umgebenden welt[enti | identi]tät steht. es ist die fähigkeit zur systemübergreifenden rückkopplung.
: hierfür sind anthropozänsinne voraussetzung

O Gaia

oo Anthropozänsinn
die sinne des anthropozäns sind die sinne gaias. das individuum, eine kognitive einheit der technosphäre, zusammen als teil der biosphäre. eingebettete systeme, also sensorik und aktuatorik, sind teil der sedimentschicht die es gerechtfertigt den anthropozän als geologische epoche anzusehen. sie sind jedoch auch als sinnesapparat zu verstehen. was wir das internet der dinge nennen ist die anfängliche ausbildung von gaias sinnenesrezeptoren; big data, teil des informationsafferenten systems. das anthropozänische zeitalter erzeugt durch seinen überhang an produktiver einwirkung auf die umwelt einen bedarf an angepasster sensorik. Will eines die Freiheit im anthropozänischen denken, so muss dieses denken die verknüpfungen, also die rückkopplungen und schleifen auf das handeln selbst herstellen um zu begreifen. handlungen geschehen dann nicht nur, sondern sind – im gegensatz zu reflexen – zugleich im anthropozänischen bewusstsein [gaia] inhaltlich begründet.

zwei charakteristika der anthropozänsinne:

o sie setzen sich aus biologischen und technologischen welt[enti | identi]täten zusammen. offene homöostaten, als energetische übergangsstationen.

o sie nehmen gaias perspektive ein. das bedeutet sie agieren kollektiv und sind [zumindest] räumlich nicht gebunden. ihre agenten sind sich ihrer offenen beschaffenheit als teilsystem bewusst und begreifen sich als [energetische] durchgangsstationen, als übergänge, welche im ständigen austausch mit einer erweiterten welt[enti | identi]tät stehen. „to be one is always to become with many“ – akteur und damit verursacher eines zustandes x ist somit der menschakteur im netz | kollektiv. sensorik und rückkopplung von symptomen werden somit beim akteur ebenfalls im netz | kollektiv erfahren und verarbeitet.

anthropozänsinne machen eines deutlich. kulturüberkommnis durch naturbeherrschung schließt den menschen [körper] mitein. der anthropozän zielt nicht allein auf die neuerschaffung der umwelt sondern auf eine neuerschaffung seines selbst. anders betrachtet schließt die neuerschaffung der natur seine eigene automatisch mitein. die selbsterfahrung als haupteinflussfaktor auf die umwelt stellt im weiteren schritt die selbsterfahrung als haupteinflussfaktor auf sich selbst dar. der anthropozän kann sich selbst nicht mehr als natürlich im herkömmlichen sinne erfahren. er ist quell und delta des künstlichen [next|second nature].

der dampf, der kolben antrieb und somit die äußere welt stück für stück erschloss, wirkt auf ihn zurück, verändert ihn von innen heraus. wenn natur gleich kultur, so gilt auch außen gleich innen. die anthropozänsinne, sind in gewisserweise das sensorische äquivalent seiner über das handeln, in die welt gekommenen, welterzeugenden produktivkraft. diese verändert ihn in seiner verfassung und fordert eine, seiner neuerschaffung gemäßen, selbstreflexion. die werkzeuge, die somit außen eingesetzt werden sind gleichzeit werkzeuge die innerlich wirken.

– Balance
[these]der nächste tipping point, also die selbstreflexion als anthropozän samt entsprechender sinne , schließt den regelkreis und bringt gaia als homöostat wieder in balance. erst wenn der ist- wert über eine funktionale rückkopplung von anthropozän- wirken und -sensorik ermittelt wird kann von [gaianischer] balance gesprochen werden.
es geht im kern also um einen systemübergreifenden [mensch - gaia], funktionierenden regelkreis. und wie die technosphäre übergänge mit dem mensch | cyborg schafft [anthropozänsinne] die in ihm agentenhaftigkeit und zugang zur ermittlung des ist-wertes von gaia verschaffen.
die balance besteht dann im Leben in gaia.

Die Poesie des Dazwischen

Geburtstagsfeier, Samstagabend, kurzer Blick auf die Uhr – ich bin zu spät. Kurz zum Späti um die Ecke, der Bio Rotwein im weißen Blechregal lacht mich schon an. Am Zielort angekommen ist die Küche schon vollbesetzt, ich schnapp mir also den Klappstuhl im Flur und setz mich schön mitten in die Tür. Niemand sitzt hier gerne, man versperrt den Durchgang und fühlt sich weder den Gesprächen in der Küche, noch den zufälligen Begegnungen auf dem Hausflur oder gar der anderen Räume zugehörig.

Dabei hat dieses sich dazwischen Befinden auch seine Vorteile, ja ist vielleicht sogar das Spannendste überhaupt wenn man sich drauf einlässt – mehr dazu nun im folgenden Artikel.

Der Mensch, der binäre Denker, hält sich nun mal nicht gern in unklaren Zwischenräumen auf sondern fühlt sich wohler in klar abgegrenzten Räumen und Begriffen. Die menschliche, verbale Kommunikation mit ihrem begrenzten Wortschatz trägt diese Notwendigkeit schon in sich selbst. Sie stellt, ebenso wie alles andere menschlich empfangbare nur eine Approximation der Wirklichkeit dar. Das binäre Denken, das Denken in Gegensätzen, stellt somit auf erste Sicht eine Bedingung für den Menschen dar, um die Komplexität der Umwelt auf ein Maß und eine Struktur zu reduzieren, dass wir uns unsern Reim draus bilden können.

Um auf der Slackline des Lebens zu balancieren, so scheint es, brauchen wir diese Gegensätze, die uns Abwägungen und Entscheidungen zum Einen oder zum Andern erst ermöglichen.

Die Schwammigkeit und Unklarheit des Zwischenbereichs jedoch, gilt es zu meiden. Das was zwischen den gedachten Polen liegt, stellt das unbeherrschbare Chaos, das Unausdrückbare und nicht Greifbare dar. Bedingt durch seine unstete, nur relativ betrachtbare Natur ist das Dazwischen nur schwer vermittel- und begreifbar. Es ist wohl genau diese deterministische Anarchie, die den Zauber des Dazwischen, der Schnittstelle ausmacht.

Sichten auf das Dazwischen

Ohne eine kulturelle Verallgemeinerung anzustreben, möchte ich dennoch im Folgenden, im Sinne der Wortherkunft, drei verschiedene Sichtweisen auf das Dazwischen erläutern.

Das im letzten Absatz bereits eingeführte Wort „Schnittstelle“ bezeichnet im Deutschen den Zwischenbereich um den es im vorliegenden Artikel geht. Dieses Wort besteht zunächst aus zwei Teilen – dem Schnitt und der Stelle. Einen Schnitt zu machen bedeutet, ein vorher Ganzes in Teile zu zerlegen. Mit dem Schnitt geht also immer auch eine Teilung oder eine Trennung einher. Der zweite Teil, die Stelle, drückt ein spezifisch lokalisierbaren Teil des Ganzen aus. Die Stelle beinhaltet dabei eine gewisse nicht-Beliebigkeit sondern wird gezielt unter all den andern Stellen ausgewählt. Die Schnittstelle, so könnte man folgern, fokussiert auf eine gezielte Trennung eines Ganzen.

Als zweite Erläuterung des Dazwischen, möchte ich die englische Übersetzung der Schnittstelle hernehmen – das „Interface“. Wieder haben wir es streng genommen mit zwei Wörtern zu tun – Inter und face. Entsprechend der lateinischen Wortherkunft lässt sich dabei das inter mit „zwischen“ und face bzw. facies mit „Aussehen“ übersetzen. Das Interface an sich bezieht sich hier also auf das Aussehen oder auch die Form des Dazwischen. Es nimmt dadurch, verglichen mit dem stark trennenden Merkmal der deutschen Schnittstelle einen eher neutral, beschreibenden Standpunkt ein.

Neben der deutschen und englischen Betrachtung, soll nun auch noch eine dritte, eine etymologische Sicht der persischen Übersetzung dienen – dem „barkhord“. Eine wortwörtliche Übersetzung käme dem deutschen Wort „Zusammenstoß“ sehr nahe.

Während bei der Schnittstelle das Trennende betont wird, meint der Zusammenstoß das Verbindende – ein Perspektivwechsel um 180 Grad.

Der wortwörtliche Umgang verschiedener Kulturen mit dem Dazwischen, zeigt grundsätzliche Unterschiede auf. Während im Deutschen die Betonung auf dem Trennenden liegt, bezieht sich das Englische auf den Kern, das Aussehen bzw. die Form des Dazwischen. Demgegenüber, stellt die persische Sicht eine der deutschen entgegengesetzte Perspektive dar. Sie betont das verbindende Element des Dazwischen und bezieht somit einen eher konnektivistischen Standpunkt eines beliebigen Gesamtsystems. Offensichtlich beschreiben diese drei exemplarisch dargestellten Perspektiven, ein und Dasselbe – eben nur aus verschiedenen, kulturell bedingten Blickwinkeln.

Um der Natur der Schnittstelle auf die Schliche zu kommen bzw. die tieferliegenden Gemeinsamkeiten der eben genannten Perspektiven herauszuarbeiten ist eine abstrahierte Sicht wohl unumgänglich.

Der Versuch, die Schnittstelle dabei zu lokalisieren, sie abzugrenzen scheint aus ihrer Natur heraus zum Scheitern verurteilt. Sie entzieht sich dem menschlich üblichen Denken in Gegensätzen und lebt aus dem Dazwischen. Sie definiert sich dabei unterschiedlich, abhängig von dem Abstraktionslevel, dem Maßstab den man an sie anlegt. Sie agiert auf allen Dimensionen und lässt Kategorien und Elemente in sich verschmelzen. Die Frage nach der Natur der Schnittstelle müsste sich also vielmehr darum drehen, ob es außer Schnittstellen noch etwas anderes gibt, da wir nun mal in einem ständigen Flux, in stetiger Veränderung leben. Dort wo Austausch stattfindet, dort gibt es auch Schnittstellen. Sei es auf molekularer Ebene oder zwischen dem Finger und dem Smartphonescreen – also immer nur eine Frage des angelegten Maßstabs. Es ist dann auch einsehbar, dass das Dazwischen nur mithilfe der Zeitdimension überleben kann, der Austausch kann nur über die Zeit passieren. In diesem stark prozessualen Charakter liegt wohl auch ein Großteil ihrer Identität vergraben, die Algorithmen und Gesetze die sie antreibt bestimmen ihre Persönlichkeit. Das anfänglich beschriebene Chaos des Dazwischen ist daher ein stark deterministisches System, die Schnittstelle nichts weiter als der total ergebene Diener seiner zugrundeliegenden, kausalen Strukturen.

Die Schnittstelle handelt also immer nur innerhalb eines Gesamtsystems, ist damit dem jeweils übergeordneten System unterstellt und agiert als eine Art Vermittler. Die Vermittlungsleistung bezieht sich dabei auf jegliche Energiezustände, die sie in die Hände bekommt. Bedingt durch ihre deterministischen Strukturen wandelt sie die Zustände um und erschafft dadurch Neues. Dieses charakterliche Merkmal, welches das Erschaffen in den Vordergrund rückt, zeigt die Poesie (griechisch „poiesis, „Erschaffung“) der Schnittstelle.

Die Poesie des Dazwischen

Wer also die Poesie sucht, sollte sich auf die Zwischenbereiche konzentrieren. Die Übersetzung und damit Kommunikationsbedingung für verschiedene Energiezustände findet im Dazwischen statt. Dort wo die Grenzen zu Brücken, die Trennung zu Verbindung verschmilzt wird der Tanz des Neuen vollzogen. Das was nach außen als pure Magie erscheint, macht ihr Wesen aus und entsteht aus den jedoch wohl gar nicht so magischen festen Regeln und Gesetzen. Die Verwandlung die sich in den Zwischenräumen vollzieht, die unendlich vielen Formen („facies“) die in die Zwischenräume fließen und aus ihr herauskommen, sie begründen die Quelle der Poesie des Dazwischen.

Zwischen Mensch und Maschine

Ausgehend von diesem poetischen, erschaffenden Charakteristikum der Schnittstelle, soll nun ein Abstraktionssprung gewagt werden, welcher das Dazwischen zwischen Mensch und Maschine beleuchtet. Der Durchsetzung der Schnittstelle auf allen Ebenen geschuldet, ist der Mensch nun auch ein komplexes Teilsystem, bestehend aus Schnittstellen. Dies menschliche Teilsystem, bestehend aus Organen, Informationsleiterbahnen, neuronalen Aktivitätspotentialen und vielen weiteren Subsystemen und Kommunikationsvernetzungen besteht wie seine erweiterte Umwelt aus einem System bestehend aus Schnittstellen. Nimmt man also die Sicht des Dazwischen ein, macht die strenge Unterteilung in Körper und Außer-Körper keinen Sinn. Die Haut, die unseren Körper dabei umzieht ist wohl eine der mächtigsten, zumindest bezüglich ihrer Oberfläche, Schnittstellen überhaupt des Teilsystems Körper. Ihr daher eine trennende, vermeintlich identitätsstiftende Funktion zuzuschreiben gründet sich wohl nur auf das eingangs beschriebene binäre Denken des Menschen. Dort wo ein Innen und Außen unterschieden werden kann, nur dort kann ich mich auch selber verorten und mich identifizieren (siehe auch hier). Wird die Grenze jedoch nur als eine weitere Schnittstelle bzw. Übergang gesehen, verschwindet meine ursprüngliche Identifikationsgrundlage und ich finde meinen Körper eingebettet in einem unendlichen Meer von weiteren Schnittstellen. Meine Identität wechselt also von einem geschlossenen System zu einem offenen System, welches sich durch die Austauschplattformen definiert die ihm zur Verfügung stehen.

Diese Schnittstellen können biologischer Natur sein, wie die Rezeptoren der Haut, die Stäbchen und Zäpfchen auf der Retina oder können mit Hilfe von Technik bestehen. Das erschaffende Charakteristikum der Schnittstelle kennt keine Gegensätze sondern verwendet das zur Verfügung stehende. Die Verwendung von Technik in Verbindung mit der Biologie des Körpers, macht die Durchlässigkeit des Körpers offensichtlich. Während der biologische Körper seine Schnittstellen auf die direkt umgebenden Teilsysteme optimiert hat, bieten technische Körperschnittstellen die Möglichkeit bestehende Dimensionsgrenzen, die zumindest in der bewussten menschlichen Wahrnehmung bestehen, aufzuheben. Der Mensch ist integraler Bestandteil seiner Umwelt, er ist ein Teilsystem eines größeren Systems und definiert sich dabei auf Grundlage der ihm zur Verfügung stehenden Schnittstellen.

Organprojektion nach Ernst Kapp

Ernst Kapp beweist – Karriereplaner haben unrecht wenn Sie sagen man brauche DEN roten Faden im Leben um es zu etwas zu bringen. Genau das Gegenteil – Aufgeschlossenheit für Neues, das konsequente Folgen der inneren Überzeugung sind viel größere Werte als die, die von außen vorgegeben werden. So, nur um das von Anfang an schon mal klarzustellen – das gilt wohl für Kapps Zeiten im 19ten als auch für die heutige Zeit im angehenden 21ten Jahrhundert. Zurück zum Werdegang Ernst Kapps.

Nach einem Studium der Philologie in Bonn war er als Gymnasiallehrer für Geographie und Geschichte in Hamm tätig. 1849 ist er dann nach Nordamerika übergesiedelt und hat mit dem Aufbau einer Baumwollfarm angefangen. Seine liberale Ader hat ihn wohl auch dazu gebracht sich in einer dortig ansässigen Freidenkervereinigung als Präsident zu engagieren sowie bei der Herausgabe der deutschsprachigen San Antonio Zeitung zu beteiligen.

1865 kehrte er schließlich nach Deutschland zurück und schrieb sein Buch „Grundlinien einer Philosophie der Technik“ welches dann 1877 erschien und als das erste genuin technikphilosophische Werk überhaupt gilt. Mit seiner Theorie der Organprojektion hat er nicht nur viele spätere Philosophen wie beispielsweise Gehlen beeinflusst sondern trat auch dem im 19ten Jahrhundert, cartesianisch geprägten mechanistischen Weltbild entgegen.

Kapps Theorie der Organprojektion
Zuallererst zu dem Begriff der „Organprojektion“. Leicht ersichtlich besteht dieses Wort aus zwei Einzelwörtern, dem „Organ“ und der „Projektion“. Ersteres stammt von dem griechischen „organon“ ab, welches sowohl Körperglied als auch Werkzeug bedeuten kann. Auch in der auf unsere heutige Sprache übertragenden Bedeutung wird der Begriff teilweise synonym gebraucht – bspw. „Atmungsorgan“ oder „Atmungsapparat“.

Den Begriff der Projektion verwendet Kapp aus dem Kunst- und Handwerksbereich im Sinne von Entwurf, Plan, Skizze und Nachaußensetzen. Ihm geht es hierbei um das deutlich machen, dass hier etwas von innen nach außen versetzt wird (Ernst Kapp, Grundlinien der Philosophie der Technik 1877, II, S. 30).

Klassische Organprojektion

Betrachtet man nun die menschlichen Organe im Sinne einer vorher beschriebenen Funktion, also als Körperglied und Werkzeug, so kommt einem die Hand wohl als erster offensichtlicher Teil des Körpers in den Sinn der diese Funktionen beinhaltet.

Wir liegen mit dieser Ansicht in guter Gesellschaft mit Aristoteles, der die Hand als „Werkzeug der Werkzeuge“ (Aristoteles: Bau und Leistung der Organe in: Biologische Schriften. Herausgegeben von Herrman Balss, 1943) beschreibt und sie in dreifacher Hinsicht in dieser Funktion sieht. Zum einen als angeborenes Werkzeug, dann als Vorbild für mechanische Werkzeuge und drittens in ihrer Beteiligung bei der tatsächlichen Herstellung von „stofflichen Nachbildungen“. Kapp führt im Grunde diesen Gedanken weiter und sieht daher die ersten Werkzeuge als eine Nachempfindung der Hand. So stellt der Hammer eine Projektion des Unterarmes mit geballter Faust oder die Axt als Fingernägel. Unter Benutzung der in der unmittelbaren Umgebung nächst „zur Hand“ befindlichen Gegenstände erscheinen die Werkzeuge als eine Verlängerung, Verstärkung und Verschärfung leiblicher Organe. Neben der Hand spielen jedoch auch alle weiteren menschlichen Organe eine Rolle bei der Projektion auf technische Artefakte. So stellt dieCamera Obscura eine technische Umsetzung des menschlichen Auges dar. Der Mensch in seinem Wunsch in unbegrenztem Maße auf die Umwelt einwirken zu können, so Kapp, produziert sich in seinen technischen Artefakten stetig selbst. Um dieser menschlichen „Weltbemächtigung“ Folge zu leisten entwickelt der Mensch immer komplexere, der Natur abgeschaute, technische Geräte um sich diesen Wunsch zu erfüllen. Er setzte dabei historisch gesehen zunächst im Inneren (dem eigenen Körper) an, um das Äußere (die Umwelt) zu verändern. Die klassische Organprojektion geht also von Innen nach Außen. Später wurde auch von der Außenwelt, vor allem den Tieren abgeschaut, so wurden zum Beispiel die Flügel der Vögel als Vorlage für Flugzeuge verwendet. Als Motivation galt zunächst der Grundsatz der erfinderischen Not und später der Wunsch nach immer weiterer Optimierung und neuen Möglichkeiten.

Unbewusste und umgekehrte Organprojektion

Es ist dabei keineswegs so, dass der Mensch bewusst nach Nachbildungen seiner Selbst und seiner Umgebung trachtet und dementsprechend die Technik entwickelt. Sie ist in Kapps Sinne vielmehr eine unbewusste Strömung, die den Menschen dazu veranlasst sich stetig selbst zu produzieren. Zu Kapps Zeiten ist die Dampfmaschine, die Universalmaschine die u.a. als Zug- und Lasttier arbeitet, Bücher druckt, Kabel legt usw.. Auch hier sieht er die Organprojektion verwirklicht, so greifen die unterschiedlichen Hebel und Zahnräder wie Knochen und Gelenke ineinander und die Maschine benötigt Nahrung (Kohle, elektrische Energie) um zu funktionieren – genauso wie der Mensch. Das zur Mitte des 19ten Jahrhunderts aufkommende Telegraphennetz sieht er in diesem Kontext als menschlich-organisches Nervennetz. Ein einzelner Nervenstrang gleiche dem Telegraphenkabel. „Die Nerven sind Kabeleinrichtungen des tierischen Körpers, die Telegraphenkabel sind Nerven der Menschheit! Und wir fügen hinzu, sie müssen es sein, weil das charakteristische Merkmal der Organprojektion das unbewusste Vorsichgehen ist.“ (Ernst Kapp, Grundlinien der Philosophie der Technik 1877, II, S. 79)

Mit diesem Beispiel verdeutlicht er auch, dass die Organprojektion auch umgekehrt sein kann, d.h. dass zuerst die technische Erfindung gemacht wird und dann eine Erklärung bzw. eine Projektion in Umkehr auf den Menschen bzw. die Natur gemacht wird. Ähnlich wurde in der Psychologie, Ende der 50er Jahre auch die sogenannte kognitive Wende aufgrund von metaphorischen Überlegungen zur Computertechnik ins Leben gerufen. Mit der Entwicklung der Informatik wurde das menschliche Gehirn mehr und mehr mit Computern verglichen und umgekehrt.

Kritische Würdigung

Kapp sieht den Menschen und die ihm wahrnehmbare Umwelt als Ausgangspunkt für seine Theorie der Organprojektion. „…Ausgangspunkt ist der Mensch, der ja bei Allem was denkt und tut, ohne von sich selbst abzufallen, von nichts Anderem ausgehen kann als von sich, dem denkenden und handelnden Selbst.[...] der Mensch, so weit nur immer von urältester Zeit bis zur Gegenwart Dinge mit von seiner Hand herrührender Spuren und Veränderungen für sein Dasein zeugen. Dieser nur ist der feste Punkt für den Beginn und für das Ziel alles Wissens. Zeugt er doch überall und immer für sich Selbst!“ (Ernst Kapp, Grundlinien einer Philosophie der Technik 1877, II, S.33).

Auf gewisse Weise setzt Kapp damit den Menschen und der ihm empfängliche Umwelt als Maximalmaß seiner kreativen, schöpferischen Kraft. Eine Organprojektion kann immer nur in dem Ausmaß geschehen, in welcher der Mensch sich selbst zu einer bestimmten Zeit seiner Evolution sieht. Er spricht damit implizit einer Entwicklung der Technik aus sich selbst heraus ab und setzt den Maßstab am Menschen an. Eine starke künstliche Intelligenz würde im Kapp´schen Sinne also immer auch das Ziel verfolgen uns als Menschen immer wieder zu reproduzieren und uns in dieser umgekehrten Projektion zur Selbstdeutung dienen. Der Ursprung komplexer Technik könnte jedoch vielmehr in der Beschaffenheit der Wirklichkeit liegen. Eine Wirklichkeit, die dem Menschen nicht zugänglich ist. Die Projektion von Innen nach Außen in der klassischen Organprojektion sowie die Projektion von Außen nach Innen in der Umgekehrten stellt also immer nur eine intrasystemische Projektion des Menschen (in seinem Mensch System) dar und vernachlässigt die Wirklichkeit als Gesamtsystem. Die immer weiter fortschreitende Auflösung des „inneren“ und „äußeren“ Menschen ist setzt dabei der Kapp´schen Theorie eindeutige Grenzen und zwingt zu einer umfassenderen holistischen Systemsicht.