Die Poesie des Dazwischen

Geburtstagsfeier, Samstagabend, kurzer Blick auf die Uhr – ich bin zu spät. Kurz zum Späti um die Ecke, der Bio Rotwein im weißen Blechregal lacht mich schon an. Am Zielort angekommen ist die Küche schon vollbesetzt, ich schnapp mir also den Klappstuhl im Flur und setz mich schön mitten in die Tür. Niemand sitzt hier gerne, man versperrt den Durchgang und fühlt sich weder den Gesprächen in der Küche, noch den zufälligen Begegnungen auf dem Hausflur oder gar der anderen Räume zugehörig.

Dabei hat dieses sich dazwischen Befinden auch seine Vorteile, ja ist vielleicht sogar das Spannendste überhaupt wenn man sich drauf einlässt – mehr dazu nun im folgenden Artikel.

Der Mensch, der binäre Denker, hält sich nun mal nicht gern in unklaren Zwischenräumen auf sondern fühlt sich wohler in klar abgegrenzten Räumen und Begriffen. Die menschliche, verbale Kommunikation mit ihrem begrenzten Wortschatz trägt diese Notwendigkeit schon in sich selbst. Sie stellt, ebenso wie alles andere menschlich empfangbare nur eine Approximation der Wirklichkeit dar. Das binäre Denken, das Denken in Gegensätzen, stellt somit auf erste Sicht eine Bedingung für den Menschen dar, um die Komplexität der Umwelt auf ein Maß und eine Struktur zu reduzieren, dass wir uns unsern Reim draus bilden können.

Um auf der Slackline des Lebens zu balancieren, so scheint es, brauchen wir diese Gegensätze, die uns Abwägungen und Entscheidungen zum Einen oder zum Andern erst ermöglichen.

Die Schwammigkeit und Unklarheit des Zwischenbereichs jedoch, gilt es zu meiden. Das was zwischen den gedachten Polen liegt, stellt das unbeherrschbare Chaos, das Unausdrückbare und nicht Greifbare dar. Bedingt durch seine unstete, nur relativ betrachtbare Natur ist das Dazwischen nur schwer vermittel- und begreifbar. Es ist wohl genau diese deterministische Anarchie, die den Zauber des Dazwischen, der Schnittstelle ausmacht.

Sichten auf das Dazwischen

Ohne eine kulturelle Verallgemeinerung anzustreben, möchte ich dennoch im Folgenden, im Sinne der Wortherkunft, drei verschiedene Sichtweisen auf das Dazwischen erläutern.

Das im letzten Absatz bereits eingeführte Wort „Schnittstelle“ bezeichnet im Deutschen den Zwischenbereich um den es im vorliegenden Artikel geht. Dieses Wort besteht zunächst aus zwei Teilen – dem Schnitt und der Stelle. Einen Schnitt zu machen bedeutet, ein vorher Ganzes in Teile zu zerlegen. Mit dem Schnitt geht also immer auch eine Teilung oder eine Trennung einher. Der zweite Teil, die Stelle, drückt ein spezifisch lokalisierbaren Teil des Ganzen aus. Die Stelle beinhaltet dabei eine gewisse nicht-Beliebigkeit sondern wird gezielt unter all den andern Stellen ausgewählt. Die Schnittstelle, so könnte man folgern, fokussiert auf eine gezielte Trennung eines Ganzen.

Als zweite Erläuterung des Dazwischen, möchte ich die englische Übersetzung der Schnittstelle hernehmen – das „Interface“. Wieder haben wir es streng genommen mit zwei Wörtern zu tun – Inter und face. Entsprechend der lateinischen Wortherkunft lässt sich dabei das inter mit „zwischen“ und face bzw. facies mit „Aussehen“ übersetzen. Das Interface an sich bezieht sich hier also auf das Aussehen oder auch die Form des Dazwischen. Es nimmt dadurch, verglichen mit dem stark trennenden Merkmal der deutschen Schnittstelle einen eher neutral, beschreibenden Standpunkt ein.

Neben der deutschen und englischen Betrachtung, soll nun auch noch eine dritte, eine etymologische Sicht der persischen Übersetzung dienen – dem „barkhord“. Eine wortwörtliche Übersetzung käme dem deutschen Wort „Zusammenstoß“ sehr nahe.

Während bei der Schnittstelle das Trennende betont wird, meint der Zusammenstoß das Verbindende – ein Perspektivwechsel um 180 Grad.

Der wortwörtliche Umgang verschiedener Kulturen mit dem Dazwischen, zeigt grundsätzliche Unterschiede auf. Während im Deutschen die Betonung auf dem Trennenden liegt, bezieht sich das Englische auf den Kern, das Aussehen bzw. die Form des Dazwischen. Demgegenüber, stellt die persische Sicht eine der deutschen entgegengesetzte Perspektive dar. Sie betont das verbindende Element des Dazwischen und bezieht somit einen eher konnektivistischen Standpunkt eines beliebigen Gesamtsystems. Offensichtlich beschreiben diese drei exemplarisch dargestellten Perspektiven, ein und Dasselbe – eben nur aus verschiedenen, kulturell bedingten Blickwinkeln.

Um der Natur der Schnittstelle auf die Schliche zu kommen bzw. die tieferliegenden Gemeinsamkeiten der eben genannten Perspektiven herauszuarbeiten ist eine abstrahierte Sicht wohl unumgänglich.

Der Versuch, die Schnittstelle dabei zu lokalisieren, sie abzugrenzen scheint aus ihrer Natur heraus zum Scheitern verurteilt. Sie entzieht sich dem menschlich üblichen Denken in Gegensätzen und lebt aus dem Dazwischen. Sie definiert sich dabei unterschiedlich, abhängig von dem Abstraktionslevel, dem Maßstab den man an sie anlegt. Sie agiert auf allen Dimensionen und lässt Kategorien und Elemente in sich verschmelzen. Die Frage nach der Natur der Schnittstelle müsste sich also vielmehr darum drehen, ob es außer Schnittstellen noch etwas anderes gibt, da wir nun mal in einem ständigen Flux, in stetiger Veränderung leben. Dort wo Austausch stattfindet, dort gibt es auch Schnittstellen. Sei es auf molekularer Ebene oder zwischen dem Finger und dem Smartphonescreen – also immer nur eine Frage des angelegten Maßstabs. Es ist dann auch einsehbar, dass das Dazwischen nur mithilfe der Zeitdimension überleben kann, der Austausch kann nur über die Zeit passieren. In diesem stark prozessualen Charakter liegt wohl auch ein Großteil ihrer Identität vergraben, die Algorithmen und Gesetze die sie antreibt bestimmen ihre Persönlichkeit. Das anfänglich beschriebene Chaos des Dazwischen ist daher ein stark deterministisches System, die Schnittstelle nichts weiter als der total ergebene Diener seiner zugrundeliegenden, kausalen Strukturen.

Die Schnittstelle handelt also immer nur innerhalb eines Gesamtsystems, ist damit dem jeweils übergeordneten System unterstellt und agiert als eine Art Vermittler. Die Vermittlungsleistung bezieht sich dabei auf jegliche Energiezustände, die sie in die Hände bekommt. Bedingt durch ihre deterministischen Strukturen wandelt sie die Zustände um und erschafft dadurch Neues. Dieses charakterliche Merkmal, welches das Erschaffen in den Vordergrund rückt, zeigt die Poesie (griechisch „poiesis, „Erschaffung“) der Schnittstelle.

Die Poesie des Dazwischen

Wer also die Poesie sucht, sollte sich auf die Zwischenbereiche konzentrieren. Die Übersetzung und damit Kommunikationsbedingung für verschiedene Energiezustände findet im Dazwischen statt. Dort wo die Grenzen zu Brücken, die Trennung zu Verbindung verschmilzt wird der Tanz des Neuen vollzogen. Das was nach außen als pure Magie erscheint, macht ihr Wesen aus und entsteht aus den jedoch wohl gar nicht so magischen festen Regeln und Gesetzen. Die Verwandlung die sich in den Zwischenräumen vollzieht, die unendlich vielen Formen („facies“) die in die Zwischenräume fließen und aus ihr herauskommen, sie begründen die Quelle der Poesie des Dazwischen.

Zwischen Mensch und Maschine

Ausgehend von diesem poetischen, erschaffenden Charakteristikum der Schnittstelle, soll nun ein Abstraktionssprung gewagt werden, welcher das Dazwischen zwischen Mensch und Maschine beleuchtet. Der Durchsetzung der Schnittstelle auf allen Ebenen geschuldet, ist der Mensch nun auch ein komplexes Teilsystem, bestehend aus Schnittstellen. Dies menschliche Teilsystem, bestehend aus Organen, Informationsleiterbahnen, neuronalen Aktivitätspotentialen und vielen weiteren Subsystemen und Kommunikationsvernetzungen besteht wie seine erweiterte Umwelt aus einem System bestehend aus Schnittstellen. Nimmt man also die Sicht des Dazwischen ein, macht die strenge Unterteilung in Körper und Außer-Körper keinen Sinn. Die Haut, die unseren Körper dabei umzieht ist wohl eine der mächtigsten, zumindest bezüglich ihrer Oberfläche, Schnittstellen überhaupt des Teilsystems Körper. Ihr daher eine trennende, vermeintlich identitätsstiftende Funktion zuzuschreiben gründet sich wohl nur auf das eingangs beschriebene binäre Denken des Menschen. Dort wo ein Innen und Außen unterschieden werden kann, nur dort kann ich mich auch selber verorten und mich identifizieren (siehe auch hier). Wird die Grenze jedoch nur als eine weitere Schnittstelle bzw. Übergang gesehen, verschwindet meine ursprüngliche Identifikationsgrundlage und ich finde meinen Körper eingebettet in einem unendlichen Meer von weiteren Schnittstellen. Meine Identität wechselt also von einem geschlossenen System zu einem offenen System, welches sich durch die Austauschplattformen definiert die ihm zur Verfügung stehen.

Diese Schnittstellen können biologischer Natur sein, wie die Rezeptoren der Haut, die Stäbchen und Zäpfchen auf der Retina oder können mit Hilfe von Technik bestehen. Das erschaffende Charakteristikum der Schnittstelle kennt keine Gegensätze sondern verwendet das zur Verfügung stehende. Die Verwendung von Technik in Verbindung mit der Biologie des Körpers, macht die Durchlässigkeit des Körpers offensichtlich. Während der biologische Körper seine Schnittstellen auf die direkt umgebenden Teilsysteme optimiert hat, bieten technische Körperschnittstellen die Möglichkeit bestehende Dimensionsgrenzen, die zumindest in der bewussten menschlichen Wahrnehmung bestehen, aufzuheben. Der Mensch ist integraler Bestandteil seiner Umwelt, er ist ein Teilsystem eines größeren Systems und definiert sich dabei auf Grundlage der ihm zur Verfügung stehenden Schnittstellen.