Organprojektion nach Ernst Kapp

Ernst Kapp beweist – Karriereplaner haben unrecht wenn Sie sagen man brauche DEN roten Faden im Leben um es zu etwas zu bringen. Genau das Gegenteil – Aufgeschlossenheit für Neues, das konsequente Folgen der inneren Überzeugung sind viel größere Werte als die, die von außen vorgegeben werden. So, nur um das von Anfang an schon mal klarzustellen – das gilt wohl für Kapps Zeiten im 19ten als auch für die heutige Zeit im angehenden 21ten Jahrhundert. Zurück zum Werdegang Ernst Kapps.

Nach einem Studium der Philologie in Bonn war er als Gymnasiallehrer für Geographie und Geschichte in Hamm tätig. 1849 ist er dann nach Nordamerika übergesiedelt und hat mit dem Aufbau einer Baumwollfarm angefangen. Seine liberale Ader hat ihn wohl auch dazu gebracht sich in einer dortig ansässigen Freidenkervereinigung als Präsident zu engagieren sowie bei der Herausgabe der deutschsprachigen San Antonio Zeitung zu beteiligen.

1865 kehrte er schließlich nach Deutschland zurück und schrieb sein Buch „Grundlinien einer Philosophie der Technik“ welches dann 1877 erschien und als das erste genuin technikphilosophische Werk überhaupt gilt. Mit seiner Theorie der Organprojektion hat er nicht nur viele spätere Philosophen wie beispielsweise Gehlen beeinflusst sondern trat auch dem im 19ten Jahrhundert, cartesianisch geprägten mechanistischen Weltbild entgegen.

Kapps Theorie der Organprojektion
Zuallererst zu dem Begriff der „Organprojektion“. Leicht ersichtlich besteht dieses Wort aus zwei Einzelwörtern, dem „Organ“ und der „Projektion“. Ersteres stammt von dem griechischen „organon“ ab, welches sowohl Körperglied als auch Werkzeug bedeuten kann. Auch in der auf unsere heutige Sprache übertragenden Bedeutung wird der Begriff teilweise synonym gebraucht – bspw. „Atmungsorgan“ oder „Atmungsapparat“.

Den Begriff der Projektion verwendet Kapp aus dem Kunst- und Handwerksbereich im Sinne von Entwurf, Plan, Skizze und Nachaußensetzen. Ihm geht es hierbei um das deutlich machen, dass hier etwas von innen nach außen versetzt wird (Ernst Kapp, Grundlinien der Philosophie der Technik 1877, II, S. 30).

Klassische Organprojektion

Betrachtet man nun die menschlichen Organe im Sinne einer vorher beschriebenen Funktion, also als Körperglied und Werkzeug, so kommt einem die Hand wohl als erster offensichtlicher Teil des Körpers in den Sinn der diese Funktionen beinhaltet.

Wir liegen mit dieser Ansicht in guter Gesellschaft mit Aristoteles, der die Hand als „Werkzeug der Werkzeuge“ (Aristoteles: Bau und Leistung der Organe in: Biologische Schriften. Herausgegeben von Herrman Balss, 1943) beschreibt und sie in dreifacher Hinsicht in dieser Funktion sieht. Zum einen als angeborenes Werkzeug, dann als Vorbild für mechanische Werkzeuge und drittens in ihrer Beteiligung bei der tatsächlichen Herstellung von „stofflichen Nachbildungen“. Kapp führt im Grunde diesen Gedanken weiter und sieht daher die ersten Werkzeuge als eine Nachempfindung der Hand. So stellt der Hammer eine Projektion des Unterarmes mit geballter Faust oder die Axt als Fingernägel. Unter Benutzung der in der unmittelbaren Umgebung nächst „zur Hand“ befindlichen Gegenstände erscheinen die Werkzeuge als eine Verlängerung, Verstärkung und Verschärfung leiblicher Organe. Neben der Hand spielen jedoch auch alle weiteren menschlichen Organe eine Rolle bei der Projektion auf technische Artefakte. So stellt dieCamera Obscura eine technische Umsetzung des menschlichen Auges dar. Der Mensch in seinem Wunsch in unbegrenztem Maße auf die Umwelt einwirken zu können, so Kapp, produziert sich in seinen technischen Artefakten stetig selbst. Um dieser menschlichen „Weltbemächtigung“ Folge zu leisten entwickelt der Mensch immer komplexere, der Natur abgeschaute, technische Geräte um sich diesen Wunsch zu erfüllen. Er setzte dabei historisch gesehen zunächst im Inneren (dem eigenen Körper) an, um das Äußere (die Umwelt) zu verändern. Die klassische Organprojektion geht also von Innen nach Außen. Später wurde auch von der Außenwelt, vor allem den Tieren abgeschaut, so wurden zum Beispiel die Flügel der Vögel als Vorlage für Flugzeuge verwendet. Als Motivation galt zunächst der Grundsatz der erfinderischen Not und später der Wunsch nach immer weiterer Optimierung und neuen Möglichkeiten.

Unbewusste und umgekehrte Organprojektion

Es ist dabei keineswegs so, dass der Mensch bewusst nach Nachbildungen seiner Selbst und seiner Umgebung trachtet und dementsprechend die Technik entwickelt. Sie ist in Kapps Sinne vielmehr eine unbewusste Strömung, die den Menschen dazu veranlasst sich stetig selbst zu produzieren. Zu Kapps Zeiten ist die Dampfmaschine, die Universalmaschine die u.a. als Zug- und Lasttier arbeitet, Bücher druckt, Kabel legt usw.. Auch hier sieht er die Organprojektion verwirklicht, so greifen die unterschiedlichen Hebel und Zahnräder wie Knochen und Gelenke ineinander und die Maschine benötigt Nahrung (Kohle, elektrische Energie) um zu funktionieren – genauso wie der Mensch. Das zur Mitte des 19ten Jahrhunderts aufkommende Telegraphennetz sieht er in diesem Kontext als menschlich-organisches Nervennetz. Ein einzelner Nervenstrang gleiche dem Telegraphenkabel. „Die Nerven sind Kabeleinrichtungen des tierischen Körpers, die Telegraphenkabel sind Nerven der Menschheit! Und wir fügen hinzu, sie müssen es sein, weil das charakteristische Merkmal der Organprojektion das unbewusste Vorsichgehen ist.“ (Ernst Kapp, Grundlinien der Philosophie der Technik 1877, II, S. 79)

Mit diesem Beispiel verdeutlicht er auch, dass die Organprojektion auch umgekehrt sein kann, d.h. dass zuerst die technische Erfindung gemacht wird und dann eine Erklärung bzw. eine Projektion in Umkehr auf den Menschen bzw. die Natur gemacht wird. Ähnlich wurde in der Psychologie, Ende der 50er Jahre auch die sogenannte kognitive Wende aufgrund von metaphorischen Überlegungen zur Computertechnik ins Leben gerufen. Mit der Entwicklung der Informatik wurde das menschliche Gehirn mehr und mehr mit Computern verglichen und umgekehrt.

Kritische Würdigung

Kapp sieht den Menschen und die ihm wahrnehmbare Umwelt als Ausgangspunkt für seine Theorie der Organprojektion. „…Ausgangspunkt ist der Mensch, der ja bei Allem was denkt und tut, ohne von sich selbst abzufallen, von nichts Anderem ausgehen kann als von sich, dem denkenden und handelnden Selbst.[...] der Mensch, so weit nur immer von urältester Zeit bis zur Gegenwart Dinge mit von seiner Hand herrührender Spuren und Veränderungen für sein Dasein zeugen. Dieser nur ist der feste Punkt für den Beginn und für das Ziel alles Wissens. Zeugt er doch überall und immer für sich Selbst!“ (Ernst Kapp, Grundlinien einer Philosophie der Technik 1877, II, S.33).

Auf gewisse Weise setzt Kapp damit den Menschen und der ihm empfängliche Umwelt als Maximalmaß seiner kreativen, schöpferischen Kraft. Eine Organprojektion kann immer nur in dem Ausmaß geschehen, in welcher der Mensch sich selbst zu einer bestimmten Zeit seiner Evolution sieht. Er spricht damit implizit einer Entwicklung der Technik aus sich selbst heraus ab und setzt den Maßstab am Menschen an. Eine starke künstliche Intelligenz würde im Kapp´schen Sinne also immer auch das Ziel verfolgen uns als Menschen immer wieder zu reproduzieren und uns in dieser umgekehrten Projektion zur Selbstdeutung dienen. Der Ursprung komplexer Technik könnte jedoch vielmehr in der Beschaffenheit der Wirklichkeit liegen. Eine Wirklichkeit, die dem Menschen nicht zugänglich ist. Die Projektion von Innen nach Außen in der klassischen Organprojektion sowie die Projektion von Außen nach Innen in der Umgekehrten stellt also immer nur eine intrasystemische Projektion des Menschen (in seinem Mensch System) dar und vernachlässigt die Wirklichkeit als Gesamtsystem. Die immer weiter fortschreitende Auflösung des „inneren“ und „äußeren“ Menschen ist setzt dabei der Kapp´schen Theorie eindeutige Grenzen und zwingt zu einer umfassenderen holistischen Systemsicht.

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