Mensch-Maschine Brücken und Neuro-Enhancement

Letzte Woche fand der 13. Bundeskongress politische Bildung statt. Neben einzelnen Sektionen, die jeweils aktuellen Themen der politischen Bildung gewidmet waren, wurden ebenfalls eine Reihe interessanter Workshops angeboten.

Ich hatte mich sehr über eine Einladung als Referent der Sektion “Leistungskörper” für die Leistungsgesellschaft? Der getunte Mensch gefreut (Link zu meinem Thesenpapier). Moderiert von Jürgen Wiebicke, diskutierte ich zusammen mit Dr. Dimitris Repantis von der Charité (Autor des Neuro-Enhancement Memorandum), Dr. Wiebke Rögener-Schwarz von der TU Dortmund (Autorin des Buches “Hyper Hirn”) und Dr. Roland Kipke von der Universität Tübingen. Der Inhalt unseres Gesprächs drehte sich verstärkt um die ethischen Fragestellungen rund ums Neuro-Enhancement, sowie im weiteren Sinne um Human Enhancement (hier eine Zusammenfassung der Diskussion von der Bundeszentrale für politische Bildung).

Im Folgenden dazu mein Eingangsstatement, welches ich auf dem Kongress vorgetragen hatte:

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Leistungskörper und Enhancement – um in die Thematik einzusteigen, möchte ich zwei einführende Beispiele anhand von Oscar Pistorius und Dick Cheney geben.

Oscar Pistorius wurden mit 11 Jahren beide Beine abgenommen. Mit dem Ziel ein möglichst „normales“ Leben zu führen bekam er zwei Prothesen und trug diese wie andere Kinder Schuhe und Hosen tragen.

In seiner Autobiographie beschreibt er wie er in früher Kindheit mit seinem Bruder GoKart Fahrten unternahm und sein Bruder, wenn es gefährlich wurde, kurzerhand seine Prothesen schnappte und als Bremsklötze benutzte.

Was also ursprünglich als medizinischer Behelf gedacht war, ist im Spiel der Jungen bereits zum Enhancement geworden – denn nur über das starke Abbremsen mit Hilfe der Prothesen konnten überhaupt erst schnelle Geschwindigkeiten erreicht werden.

Auch Dick Cheney, der unter Bush Vizepräsident der USA war, hat sich über einen medizinischen Eingriff einen künstliche Pumpe mit Spenderherz einsetzen lassen. Dieser Eingriff der ein erkranktes Organ durch ein Künstliches (zumindest die Pumpe) ersetzt hat folgt dem medizinischen Imperativ, demzufolge Menschen wieder auf „Normalzustand“ wiederhergestellt werden sollen. Medizinische Eingriffe wie beispielsweise der Ersatz durch ein künstliches Organ birgt jedoch auch immer schon wieder Verbesserungen in sich. Höhere mechanische Stabilität, längere Lebensdauer sind dabei nur zwei Merkmale, die inhärent auch in der Medizin – gewollt oder ungewollt – gemacht werden.

Eine definitive Grenzziehung zwischen Therapie/Medizin und Enhancement lässt sich nicht machen. Technische Verbesserungen schleichen sich bereits in die heilende Praxis notwendig mitein.

Mir geht es daher weniger von Grenzen zwischen Mensch und Technik zu sprechen als vielmehr den Fokus auf die „Brücken“ zu legen. Die Brücken, die das Dazwischen regeln und Übersetzungsprozesse zwischen Mensch und Technik behandeln.

Wie sehen die Mensch-Maschine Brücken der Zukunft aus?

Welche Aufgabenverteilung zwischen Mensch und Maschine entstehen und welche Potentiale ergeben sich für diese Verknüpfungen von Biologie und Technologie?

Wie können wir als Gesellschaft bestmöglich an der Konstruktion gemeinschaftlich teilnehmen?

Welche Werte bilden das Fundament dieser Bio-technologischen Brücken – oder anders ausgedrückt – zukünftiger sozialer Beziehungen.

Donna Haraway hat hierzu in ihrem Cyborg Manifesto einen zentralen Satz gesagt:

„Gesellschaftliche Wirklichkeit, d.h. gelebte soziale Beziehungen ist unser wichtigstes polititsches Konstrukt, eine weltverändernde Fiktion“.

Dabei ist wichtig zu sehen, dass soziale Beziehungen mit Hilfe von neuen Medien und Technologien sowohl zeitlich als auch räumlich entkoppelt sind.

Teile dieser sozialen Beziehungen finden virtuell, z.B. auf Plattformen statt, nehmen neue Kommunikationsformen an – eine Vielzahl von tragbaren Geräten und technischer Assistenzsysteme liefern die Infrastruktur dazu.

Mensch-Maschine Brücken bilden also nicht nur Brücken zur Mensch-Technik Kommunikation sondern dienen auch zur Brückenbildung zwischen Menschen. Ein entscheidendes Kriterium, der neuen aufkommenden Mensch-Technik Brücken ist, dass sie in zwei Richtungen begehbar sind. Sie kommunizieren sowohl von Mensch zu Technik als auch von Technik zu Mensch – und das z.T. in sehr direkter Weise.

Während bisherige Werkzeuge also vorrangig das Ziel des Menschen hatten auf seine externe Umwelt einzuwirken, haben die neuen Werkzeuge sehr direkte Wege auf den Menschen zurückzuwirken.

Die Technik besitzt dabei neben Sensoren auch immer mehr Aktuatoren bzw. Stimulatoren, die ein direktes Feedback für den Menschen ermöglichen. Diese Brücken haben das Ziel einen geschlossenen Kreislauf zwischen Mensch und Maschine herzustellen.

Die direkteste Form dieser Art von Rückmeldung von Technik auf den Menschen ist wohl die Stimulation von menschlichem Nervensystem bzw. Gehirn.

Neuro-Enhancement stellt dabei begrifflich mit dem Wort „Enhancement“ die Verbesserung gegenüber einem vorherigem Ausgangszustand in den Vordergrund.

Im Sinne des eben genannten geschlossenen Kreislaufs (Kybernetik), würde ich jedoch die verschiedenen Stimulationsarten des menschlichen Nervensystems nicht prinzipiell als Verbesserung ansehen sondern erst einmal wertneutral, als technische Einwirkung bzw. Rückmeldeform von Technik zum Menschen (ich möchte mich hier erstmal weniger auf das pharmakologische Neuro-Enhancement sondern vielmehr auf Neuro-Enhancement über tragbare/implantierte Brücken/Interfaces (z.B. tDCS , TMS etc.) beziehen).

Erst die Motivationen, die ich mit Neurostimulatoren verbinde, ja erst die konkreten Zwecke die ich damit verfolge (z.B. ein hierarchisches Höherstellen ggü. Mitmenschen, aufgrund erhöhter kognitiver Leistung) sind ausschlaggebend für eine Diskussion bzw. einer gesellschaftlichen Übereinkunft.

Dies macht deutlich, dass die Neuro-Enhancement Debatte keine vorrangig technische sondern stark gesellschaftlich bzw. die gesellschaftlichen Werte orientierte Diskussion ist.

Abschließend möchte ich drei Punkte aufzeigen, die mir bei dieser Diskussion zentral sind.

1. Die Frage des Zugangs zu diesen Mensch-Technik Brücken

2. Neben dem Zugang die Gestaltung der Brücken

3. last but not least eine Wertediskussion, die auf breiter gesellschaftlicher Ebene stattfinden muss

zu 1.: Frage des Zugangs

Es geht also um die Frage „Wie bauen wir eine Grundstruktur für gleichberechtigten Zugang zu den neuen Werkzeugen auf?“

Ich will hier den Gedanken der Plattform an erster Stelle setzen. Es geht um die Errichtung sowohl virtueller also auch physikalischer Plattformen, die eine durchgängige Partizipation der Gesellschaft an Diskussions,- Entwicklungs- und Umsetzungsgedanken beinhaltet.

Diese Plattformen müssen jedem zugänglich, also prinzipiell offen und frei verfügbar sein. Das Ziel ist eine aktive Ideenverbreitung- und teilung, anstelle von geschützter IP und proprietärem Wissen. Ein solcher Plattformgedanke war ebenfalls die Grundidee des Cyborgs e.V., den Verein den ich zusammen mit einer Gruppe von Leuten in Berlin gegründet habe.

Zu 2.: Gestaltung der Brücken

Denn was nutzt mir der Zugang zu Werkzeugen wenn ich nicht weiß wie ich diese bedienen soll und was sie für nachgelagerte Auswirkungen auf mich und meine Umwelt haben.

Es geht also darum auch hoch komplexe technische Systeme und Infrastrukturen für Laien zugänglich und verständlich zu machen, sodass eine mündige Teilnahme an dieser Mensch-Maschine Gesellschaft überhaupt erst möglich wird. Es braucht hierzu Vermittlungswerkzeuge – diese machen die Brücken erst „mündig begehbar und nutzbar“. Sie sehen daher nicht wie eine 96 seitige AGB von Apple aus sondern haben den Zweck virtuelle hoch komplexe Vorgänge auf intuitiv verständliche Module runterzubrechen, verständlich zu machen und teils in physikalischen Objekten wieder greifbar zu machen. Internet der Dinge und Physical Computing sind hier zwei Stichworte, die meiner Meinung nach in Zukunft sehr hohes Potential zur Brückengestaltung bieten.

3.: Wertediskussion

Als dritten Punkt – last but not least – das Anstoßen einer Wertediskussion für eine gleichberechtigte Mensch-Maschine Zukunft. Es geht also um nichts weniger als das grundsätzliche Hinterfragen des kapitalistischen Fortschrittsgedanken und damit der technischen Ausstattung des Körpers mit dem Hauptzweck in einer neoliberalen Gesellschaft mithalten zu können.

Denn, Technik sollte dem Fortschritt & Wachstum des Menschen und nicht des Systems dienen.

Anstatt gleichgeschalteten Leistungskörper- und geistern weitere Unterstützung zu geben, sollten die neuen Werte weniger wettbewerbs- und hierarchieorientiert sein sondern vielmehr in einem humanistischen Sinne, spezifische Talentförderung mit neuen Mensch-Maschine Brücken darstellen. Diversität und Erweiterung der menschlichen Wahrnehmung stehen hier im Vordergrund.

 

 

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