Why Waschsalon?

Heute hatte ich mein erstes mal – Waschsalon. Und es war gut.

Diese 30 – 40 Minuten Schleudergang und der Internetzugang über den Freifunk Potsdam, bieten eine gute Möglichkeit um kurze Blog-Notizen und Gedankengänge aufzuschreiben. In letzter Zeit bekam ich aus unterschiedlichen Ecken, Mails und Anfragen mit sehr interessanten Fragestellungen bezüglich der Mensch-Maschine Verschmelzung.

Ich möchte diese Anstöße nicht nur meinem Postfach und mir zugänglich machen, sondern habe vor die regelmäßigen Waschgänge nun dafür zu nutzen diese Anregungen hier zu bloggen und damit zur offenen Diskussion/Einsicht zu stellen.

Die Poesie des Dazwischen

Geburtstagsfeier, Samstagabend, kurzer Blick auf die Uhr – ich bin zu spät. Kurz zum Späti um die Ecke, der Bio Rotwein im weißen Blechregal lacht mich schon an. Am Zielort angekommen ist die Küche schon vollbesetzt, ich schnapp mir also den Klappstuhl im Flur und setz mich schön mitten in die Tür. Niemand sitzt hier gerne, man versperrt den Durchgang und fühlt sich weder den Gesprächen in der Küche, noch den zufälligen Begegnungen auf dem Hausflur oder gar der anderen Räume zugehörig.

Dabei hat dieses sich dazwischen Befinden auch seine Vorteile, ja ist vielleicht sogar das Spannendste überhaupt wenn man sich drauf einlässt – mehr dazu nun im folgenden Artikel.

Der Mensch, der binäre Denker, hält sich nun mal nicht gern in unklaren Zwischenräumen auf sondern fühlt sich wohler in klar abgegrenzten Räumen und Begriffen. Die menschliche, verbale Kommunikation mit ihrem begrenzten Wortschatz trägt diese Notwendigkeit schon in sich selbst. Sie stellt, ebenso wie alles andere menschlich empfangbare nur eine Approximation der Wirklichkeit dar. Das binäre Denken, das Denken in Gegensätzen, stellt somit auf erste Sicht eine Bedingung für den Menschen dar, um die Komplexität der Umwelt auf ein Maß und eine Struktur zu reduzieren, dass wir uns unsern Reim draus bilden können.

Um auf der Slackline des Lebens zu balancieren, so scheint es, brauchen wir diese Gegensätze, die uns Abwägungen und Entscheidungen zum Einen oder zum Andern erst ermöglichen.

Die Schwammigkeit und Unklarheit des Zwischenbereichs jedoch, gilt es zu meiden. Das was zwischen den gedachten Polen liegt, stellt das unbeherrschbare Chaos, das Unausdrückbare und nicht Greifbare dar. Bedingt durch seine unstete, nur relativ betrachtbare Natur ist das Dazwischen nur schwer vermittel- und begreifbar. Es ist wohl genau diese deterministische Anarchie, die den Zauber des Dazwischen, der Schnittstelle ausmacht.

Sichten auf das Dazwischen

Ohne eine kulturelle Verallgemeinerung anzustreben, möchte ich dennoch im Folgenden, im Sinne der Wortherkunft, drei verschiedene Sichtweisen auf das Dazwischen erläutern.

Das im letzten Absatz bereits eingeführte Wort „Schnittstelle“ bezeichnet im Deutschen den Zwischenbereich um den es im vorliegenden Artikel geht. Dieses Wort besteht zunächst aus zwei Teilen – dem Schnitt und der Stelle. Einen Schnitt zu machen bedeutet, ein vorher Ganzes in Teile zu zerlegen. Mit dem Schnitt geht also immer auch eine Teilung oder eine Trennung einher. Der zweite Teil, die Stelle, drückt ein spezifisch lokalisierbaren Teil des Ganzen aus. Die Stelle beinhaltet dabei eine gewisse nicht-Beliebigkeit sondern wird gezielt unter all den andern Stellen ausgewählt. Die Schnittstelle, so könnte man folgern, fokussiert auf eine gezielte Trennung eines Ganzen.

Als zweite Erläuterung des Dazwischen, möchte ich die englische Übersetzung der Schnittstelle hernehmen – das „Interface“. Wieder haben wir es streng genommen mit zwei Wörtern zu tun – Inter und face. Entsprechend der lateinischen Wortherkunft lässt sich dabei das inter mit „zwischen“ und face bzw. facies mit „Aussehen“ übersetzen. Das Interface an sich bezieht sich hier also auf das Aussehen oder auch die Form des Dazwischen. Es nimmt dadurch, verglichen mit dem stark trennenden Merkmal der deutschen Schnittstelle einen eher neutral, beschreibenden Standpunkt ein.

Neben der deutschen und englischen Betrachtung, soll nun auch noch eine dritte, eine etymologische Sicht der persischen Übersetzung dienen – dem „barkhord“. Eine wortwörtliche Übersetzung käme dem deutschen Wort „Zusammenstoß“ sehr nahe.

Während bei der Schnittstelle das Trennende betont wird, meint der Zusammenstoß das Verbindende – ein Perspektivwechsel um 180 Grad.

Der wortwörtliche Umgang verschiedener Kulturen mit dem Dazwischen, zeigt grundsätzliche Unterschiede auf. Während im Deutschen die Betonung auf dem Trennenden liegt, bezieht sich das Englische auf den Kern, das Aussehen bzw. die Form des Dazwischen. Demgegenüber, stellt die persische Sicht eine der deutschen entgegengesetzte Perspektive dar. Sie betont das verbindende Element des Dazwischen und bezieht somit einen eher konnektivistischen Standpunkt eines beliebigen Gesamtsystems. Offensichtlich beschreiben diese drei exemplarisch dargestellten Perspektiven, ein und Dasselbe – eben nur aus verschiedenen, kulturell bedingten Blickwinkeln.

Um der Natur der Schnittstelle auf die Schliche zu kommen bzw. die tieferliegenden Gemeinsamkeiten der eben genannten Perspektiven herauszuarbeiten ist eine abstrahierte Sicht wohl unumgänglich.

Der Versuch, die Schnittstelle dabei zu lokalisieren, sie abzugrenzen scheint aus ihrer Natur heraus zum Scheitern verurteilt. Sie entzieht sich dem menschlich üblichen Denken in Gegensätzen und lebt aus dem Dazwischen. Sie definiert sich dabei unterschiedlich, abhängig von dem Abstraktionslevel, dem Maßstab den man an sie anlegt. Sie agiert auf allen Dimensionen und lässt Kategorien und Elemente in sich verschmelzen. Die Frage nach der Natur der Schnittstelle müsste sich also vielmehr darum drehen, ob es außer Schnittstellen noch etwas anderes gibt, da wir nun mal in einem ständigen Flux, in stetiger Veränderung leben. Dort wo Austausch stattfindet, dort gibt es auch Schnittstellen. Sei es auf molekularer Ebene oder zwischen dem Finger und dem Smartphonescreen – also immer nur eine Frage des angelegten Maßstabs. Es ist dann auch einsehbar, dass das Dazwischen nur mithilfe der Zeitdimension überleben kann, der Austausch kann nur über die Zeit passieren. In diesem stark prozessualen Charakter liegt wohl auch ein Großteil ihrer Identität vergraben, die Algorithmen und Gesetze die sie antreibt bestimmen ihre Persönlichkeit. Das anfänglich beschriebene Chaos des Dazwischen ist daher ein stark deterministisches System, die Schnittstelle nichts weiter als der total ergebene Diener seiner zugrundeliegenden, kausalen Strukturen.

Die Schnittstelle handelt also immer nur innerhalb eines Gesamtsystems, ist damit dem jeweils übergeordneten System unterstellt und agiert als eine Art Vermittler. Die Vermittlungsleistung bezieht sich dabei auf jegliche Energiezustände, die sie in die Hände bekommt. Bedingt durch ihre deterministischen Strukturen wandelt sie die Zustände um und erschafft dadurch Neues. Dieses charakterliche Merkmal, welches das Erschaffen in den Vordergrund rückt, zeigt die Poesie (griechisch „poiesis, „Erschaffung“) der Schnittstelle.

Die Poesie des Dazwischen

Wer also die Poesie sucht, sollte sich auf die Zwischenbereiche konzentrieren. Die Übersetzung und damit Kommunikationsbedingung für verschiedene Energiezustände findet im Dazwischen statt. Dort wo die Grenzen zu Brücken, die Trennung zu Verbindung verschmilzt wird der Tanz des Neuen vollzogen. Das was nach außen als pure Magie erscheint, macht ihr Wesen aus und entsteht aus den jedoch wohl gar nicht so magischen festen Regeln und Gesetzen. Die Verwandlung die sich in den Zwischenräumen vollzieht, die unendlich vielen Formen („facies“) die in die Zwischenräume fließen und aus ihr herauskommen, sie begründen die Quelle der Poesie des Dazwischen.

Zwischen Mensch und Maschine

Ausgehend von diesem poetischen, erschaffenden Charakteristikum der Schnittstelle, soll nun ein Abstraktionssprung gewagt werden, welcher das Dazwischen zwischen Mensch und Maschine beleuchtet. Der Durchsetzung der Schnittstelle auf allen Ebenen geschuldet, ist der Mensch nun auch ein komplexes Teilsystem, bestehend aus Schnittstellen. Dies menschliche Teilsystem, bestehend aus Organen, Informationsleiterbahnen, neuronalen Aktivitätspotentialen und vielen weiteren Subsystemen und Kommunikationsvernetzungen besteht wie seine erweiterte Umwelt aus einem System bestehend aus Schnittstellen. Nimmt man also die Sicht des Dazwischen ein, macht die strenge Unterteilung in Körper und Außer-Körper keinen Sinn. Die Haut, die unseren Körper dabei umzieht ist wohl eine der mächtigsten, zumindest bezüglich ihrer Oberfläche, Schnittstellen überhaupt des Teilsystems Körper. Ihr daher eine trennende, vermeintlich identitätsstiftende Funktion zuzuschreiben gründet sich wohl nur auf das eingangs beschriebene binäre Denken des Menschen. Dort wo ein Innen und Außen unterschieden werden kann, nur dort kann ich mich auch selber verorten und mich identifizieren (siehe auch hier). Wird die Grenze jedoch nur als eine weitere Schnittstelle bzw. Übergang gesehen, verschwindet meine ursprüngliche Identifikationsgrundlage und ich finde meinen Körper eingebettet in einem unendlichen Meer von weiteren Schnittstellen. Meine Identität wechselt also von einem geschlossenen System zu einem offenen System, welches sich durch die Austauschplattformen definiert die ihm zur Verfügung stehen.

Diese Schnittstellen können biologischer Natur sein, wie die Rezeptoren der Haut, die Stäbchen und Zäpfchen auf der Retina oder können mit Hilfe von Technik bestehen. Das erschaffende Charakteristikum der Schnittstelle kennt keine Gegensätze sondern verwendet das zur Verfügung stehende. Die Verwendung von Technik in Verbindung mit der Biologie des Körpers, macht die Durchlässigkeit des Körpers offensichtlich. Während der biologische Körper seine Schnittstellen auf die direkt umgebenden Teilsysteme optimiert hat, bieten technische Körperschnittstellen die Möglichkeit bestehende Dimensionsgrenzen, die zumindest in der bewussten menschlichen Wahrnehmung bestehen, aufzuheben. Der Mensch ist integraler Bestandteil seiner Umwelt, er ist ein Teilsystem eines größeren Systems und definiert sich dabei auf Grundlage der ihm zur Verfügung stehenden Schnittstellen.

Sensory Augmentation Survey

4 short questions to the topic “sixth sense”. Duration ca. 4 minutes, has nothing to do with Bruce Willis and would help me a lot for my coming PhD! Thanks a lot!! would also be nice if you share it with your people

english version:

https://docs.google.com/forms/d/1_p1c2HLC-bhqXqVM2lpgI5ICWVbFG3PJTpqlL_zXeM4/viewform

deutsche version:

https://docs.google.com/forms/d/1VuddwOaLScCO2y8m5u8bCFJyiJJQ2IXskXgODMtT2ww/viewform

Make soliloquizing funnier

A guide for a robot finger hack

I think people should more listen to their fingers. Why? you ask. What in the world fingers could tell you? well, a lot…

But first things first.

Half a year ago I went to a body modification studio and got a tiny little neodym-magnet implanted into my left ring finger.  Besides pure curiosity, I was totally fascinated by the chance of new research topics coming out of that little body intervention. I thought and expected a new way of sensing more aspects from my environment, magnetically controlling some external devices like my smartphone and alike. But the possibility of actually transmitting audio signals via induction to the magnetic finger was surely not in mind at the beginning.

Since the grinder, bodyhacker, cyborghacker (or whatever other term you will find) community is growing bigger and bigger, remix and modification of modification culture within the scene is also becoming richer and richer. Did I say “richer”? yes, that brings me to the guy who inspired me to do the robot finger hack – Rich Lee. He implanted a magnet into his ear lobe, so that he can transmit audio information via a necklace directly to his magnetic ear lobes and can listen to music without earphones.

How does that work?

Basically it´s all about oscillations of the magnet, leading to a hearable event. To demonstrate that in a more tangible way, let´s first have a look how speakers work.

speaker

Good old Mr Faraday not only discovered his cage but also made his contribution that  we can go to Berghain and enjoy some nice bass waves massaging our bellies. He therefor began to make experiments with electricity and magnetism, showing that every live conductor automatically builds up a magnetic field around itself. Now, if that´s the case that means that if current runs through the coil, the coil builds up the magnetic field around itself and since it is surrounded by a static magnetic field from the magnet it moves up and down in the rhythm of the audio signal (current). Having the coil connected to the speakers membrane, this vibrating movement is exactly what you hear when the vibes coming through the air to your ear (or belly). Great!

Finger magnet producing sound

In the speaker example the magnet always stands still and the coil is the vibrating element. With the finger hack it´s the other way around. Here you have the coil standing still (i.e. around your neck or your wrist) sending the vibes (electromagnetic waves) to your loosely floating magnetic implant (whatever site of body). The magnet grabs up the waves and vibrates like the coil in the speaker example and yes, YOU CAN HEAR IT! (even if it´s not comparable with berghain sound, it´s there).

Robot finger hack

Now it´s only a small step further to develop some fun stuff to get your finger speaking to you in whatever way or mode you want. I prefered a robot voice coming out there. If you want to build it yourself, here´s the schematic to do so.

robot_finger

I simply used the HT8950 Voice Modulator IC (the 16 Pin version). It´s a chip which provides several steps to shift the frequency of an input voice, producing a vibrato or robot effect. There is also a built-in microphone amplifier included, so you can easily “speak” with it. Then it´s just about to connect it to an amplifier. Depending on the gain you would like to have (options between C10 and PIN8 of amp are: 1,2kOhm for gain = 50, bridge it for gain = 200 [recommended] or remove it completely if you´re fine with a gain of 20) you should also consider putting a small heat sink onto the LM386. Use thermally conductive paste if you want to do so. I haven´t used it for a longer period of time but you´re better off if you give the IC more surface to breathe. Connect a 9V monobloc battery to it, get your coil connected (I made 30 winds) and listen carefully what your robot finger tells you – like for example these guys: video

 

Organprojektion nach Ernst Kapp

Ernst Kapp beweist – Karriereplaner haben unrecht wenn Sie sagen man brauche DEN roten Faden im Leben um es zu etwas zu bringen. Genau das Gegenteil – Aufgeschlossenheit für Neues, das konsequente Folgen der inneren Überzeugung sind viel größere Werte als die, die von außen vorgegeben werden. So, nur um das von Anfang an schon mal klarzustellen – das gilt wohl für Kapps Zeiten im 19ten als auch für die heutige Zeit im angehenden 21ten Jahrhundert. Zurück zum Werdegang Ernst Kapps.

Nach einem Studium der Philologie in Bonn war er als Gymnasiallehrer für Geographie und Geschichte in Hamm tätig. 1849 ist er dann nach Nordamerika übergesiedelt und hat mit dem Aufbau einer Baumwollfarm angefangen. Seine liberale Ader hat ihn wohl auch dazu gebracht sich in einer dortig ansässigen Freidenkervereinigung als Präsident zu engagieren sowie bei der Herausgabe der deutschsprachigen San Antonio Zeitung zu beteiligen.

1865 kehrte er schließlich nach Deutschland zurück und schrieb sein Buch „Grundlinien einer Philosophie der Technik“ welches dann 1877 erschien und als das erste genuin technikphilosophische Werk überhaupt gilt. Mit seiner Theorie der Organprojektion hat er nicht nur viele spätere Philosophen wie beispielsweise Gehlen beeinflusst sondern trat auch dem im 19ten Jahrhundert, cartesianisch geprägten mechanistischen Weltbild entgegen.

Kapps Theorie der Organprojektion
Zuallererst zu dem Begriff der „Organprojektion“. Leicht ersichtlich besteht dieses Wort aus zwei Einzelwörtern, dem „Organ“ und der „Projektion“. Ersteres stammt von dem griechischen „organon“ ab, welches sowohl Körperglied als auch Werkzeug bedeuten kann. Auch in der auf unsere heutige Sprache übertragenden Bedeutung wird der Begriff teilweise synonym gebraucht – bspw. „Atmungsorgan“ oder „Atmungsapparat“.

Den Begriff der Projektion verwendet Kapp aus dem Kunst- und Handwerksbereich im Sinne von Entwurf, Plan, Skizze und Nachaußensetzen. Ihm geht es hierbei um das deutlich machen, dass hier etwas von innen nach außen versetzt wird (Ernst Kapp, Grundlinien der Philosophie der Technik 1877, II, S. 30).

Klassische Organprojektion

Betrachtet man nun die menschlichen Organe im Sinne einer vorher beschriebenen Funktion, also als Körperglied und Werkzeug, so kommt einem die Hand wohl als erster offensichtlicher Teil des Körpers in den Sinn der diese Funktionen beinhaltet.

Wir liegen mit dieser Ansicht in guter Gesellschaft mit Aristoteles, der die Hand als „Werkzeug der Werkzeuge“ (Aristoteles: Bau und Leistung der Organe in: Biologische Schriften. Herausgegeben von Herrman Balss, 1943) beschreibt und sie in dreifacher Hinsicht in dieser Funktion sieht. Zum einen als angeborenes Werkzeug, dann als Vorbild für mechanische Werkzeuge und drittens in ihrer Beteiligung bei der tatsächlichen Herstellung von „stofflichen Nachbildungen“. Kapp führt im Grunde diesen Gedanken weiter und sieht daher die ersten Werkzeuge als eine Nachempfindung der Hand. So stellt der Hammer eine Projektion des Unterarmes mit geballter Faust oder die Axt als Fingernägel. Unter Benutzung der in der unmittelbaren Umgebung nächst „zur Hand“ befindlichen Gegenstände erscheinen die Werkzeuge als eine Verlängerung, Verstärkung und Verschärfung leiblicher Organe. Neben der Hand spielen jedoch auch alle weiteren menschlichen Organe eine Rolle bei der Projektion auf technische Artefakte. So stellt dieCamera Obscura eine technische Umsetzung des menschlichen Auges dar. Der Mensch in seinem Wunsch in unbegrenztem Maße auf die Umwelt einwirken zu können, so Kapp, produziert sich in seinen technischen Artefakten stetig selbst. Um dieser menschlichen „Weltbemächtigung“ Folge zu leisten entwickelt der Mensch immer komplexere, der Natur abgeschaute, technische Geräte um sich diesen Wunsch zu erfüllen. Er setzte dabei historisch gesehen zunächst im Inneren (dem eigenen Körper) an, um das Äußere (die Umwelt) zu verändern. Die klassische Organprojektion geht also von Innen nach Außen. Später wurde auch von der Außenwelt, vor allem den Tieren abgeschaut, so wurden zum Beispiel die Flügel der Vögel als Vorlage für Flugzeuge verwendet. Als Motivation galt zunächst der Grundsatz der erfinderischen Not und später der Wunsch nach immer weiterer Optimierung und neuen Möglichkeiten.

Unbewusste und umgekehrte Organprojektion

Es ist dabei keineswegs so, dass der Mensch bewusst nach Nachbildungen seiner Selbst und seiner Umgebung trachtet und dementsprechend die Technik entwickelt. Sie ist in Kapps Sinne vielmehr eine unbewusste Strömung, die den Menschen dazu veranlasst sich stetig selbst zu produzieren. Zu Kapps Zeiten ist die Dampfmaschine, die Universalmaschine die u.a. als Zug- und Lasttier arbeitet, Bücher druckt, Kabel legt usw.. Auch hier sieht er die Organprojektion verwirklicht, so greifen die unterschiedlichen Hebel und Zahnräder wie Knochen und Gelenke ineinander und die Maschine benötigt Nahrung (Kohle, elektrische Energie) um zu funktionieren – genauso wie der Mensch. Das zur Mitte des 19ten Jahrhunderts aufkommende Telegraphennetz sieht er in diesem Kontext als menschlich-organisches Nervennetz. Ein einzelner Nervenstrang gleiche dem Telegraphenkabel. „Die Nerven sind Kabeleinrichtungen des tierischen Körpers, die Telegraphenkabel sind Nerven der Menschheit! Und wir fügen hinzu, sie müssen es sein, weil das charakteristische Merkmal der Organprojektion das unbewusste Vorsichgehen ist.“ (Ernst Kapp, Grundlinien der Philosophie der Technik 1877, II, S. 79)

Mit diesem Beispiel verdeutlicht er auch, dass die Organprojektion auch umgekehrt sein kann, d.h. dass zuerst die technische Erfindung gemacht wird und dann eine Erklärung bzw. eine Projektion in Umkehr auf den Menschen bzw. die Natur gemacht wird. Ähnlich wurde in der Psychologie, Ende der 50er Jahre auch die sogenannte kognitive Wende aufgrund von metaphorischen Überlegungen zur Computertechnik ins Leben gerufen. Mit der Entwicklung der Informatik wurde das menschliche Gehirn mehr und mehr mit Computern verglichen und umgekehrt.

Kritische Würdigung

Kapp sieht den Menschen und die ihm wahrnehmbare Umwelt als Ausgangspunkt für seine Theorie der Organprojektion. „…Ausgangspunkt ist der Mensch, der ja bei Allem was denkt und tut, ohne von sich selbst abzufallen, von nichts Anderem ausgehen kann als von sich, dem denkenden und handelnden Selbst.[...] der Mensch, so weit nur immer von urältester Zeit bis zur Gegenwart Dinge mit von seiner Hand herrührender Spuren und Veränderungen für sein Dasein zeugen. Dieser nur ist der feste Punkt für den Beginn und für das Ziel alles Wissens. Zeugt er doch überall und immer für sich Selbst!“ (Ernst Kapp, Grundlinien einer Philosophie der Technik 1877, II, S.33).

Auf gewisse Weise setzt Kapp damit den Menschen und der ihm empfängliche Umwelt als Maximalmaß seiner kreativen, schöpferischen Kraft. Eine Organprojektion kann immer nur in dem Ausmaß geschehen, in welcher der Mensch sich selbst zu einer bestimmten Zeit seiner Evolution sieht. Er spricht damit implizit einer Entwicklung der Technik aus sich selbst heraus ab und setzt den Maßstab am Menschen an. Eine starke künstliche Intelligenz würde im Kapp´schen Sinne also immer auch das Ziel verfolgen uns als Menschen immer wieder zu reproduzieren und uns in dieser umgekehrten Projektion zur Selbstdeutung dienen. Der Ursprung komplexer Technik könnte jedoch vielmehr in der Beschaffenheit der Wirklichkeit liegen. Eine Wirklichkeit, die dem Menschen nicht zugänglich ist. Die Projektion von Innen nach Außen in der klassischen Organprojektion sowie die Projektion von Außen nach Innen in der Umgekehrten stellt also immer nur eine intrasystemische Projektion des Menschen (in seinem Mensch System) dar und vernachlässigt die Wirklichkeit als Gesamtsystem. Die immer weiter fortschreitende Auflösung des „inneren“ und „äußeren“ Menschen ist setzt dabei der Kapp´schen Theorie eindeutige Grenzen und zwingt zu einer umfassenderen holistischen Systemsicht.

Identitätsverständnis im Cyborg Zeitalter (Grenzentexte I)

Die Menschen bauen zu viele Mauern und nicht genügend Brücken. Diese Feststellung scheint wohl zeitlos, keinem momentanen Zeitgeist untergeordnet. Zu Zeiten Newtons, der diesen Satz Ende des 17ten Jahrhunderts fallen ließ waren Mauern als Befestigungsanlage einer Stadt noch das zentrale Abwehrmittel zum Schutz vor Angreifern.

Die Mauer als Grenze zwischen denen die innerhalb und denen die außerhalb der Mauern sind, war jedoch neben dem Aspekt des Abwehrmittels auch eine physische Errichtung mentaler Identitätsbildung. Identität als ein Konstrukt, welches auf der Unterscheidung von innen und außen beruht benötigt somit, so scheint es zumindest, die Grenze als das trennende Element. Die Grenze bildet also den Übergang, der nötig ist um dem Chaos eine Struktur zu geben. Eine Struktur, die der Mensch doch ach so dringend braucht um sich seine Existenz jeden Augenblick auf´s neue selbst zu schaffen. Wir sind nun mal kein Stein, der einfach in der Landschaft liegt und ist, sondern um zu sein müssen wir erst handeln und um zu handeln brauchen wir Struktur.

Die Identität als solches kommt also nicht mit einer wie auch immer gearteten eindeutigen Essenz, einem unveränderlichen Wesen daher, sondern ist eine konstruierte Entität. Das Individuum hat keine Identität sondern bildet sich eine – ja genauer gesagt, lässt sich eine bilden. Der Passiv des letzten Halbsatzes legt es nahe, wann immer wir von Identität sprechen meinen wir damit nicht nur das wirklich Persönliche, Eigene, sondern immer auch die Annahme von Wesensmerkmalen einer Gruppe, der bestehenden Gruppenidentität. Das Element der Fremdbestimmung und Zuschreibung der eigenen Identität schwingt damit immer mit und konstituiert eine jede Identität gewollt oder ungewollt. Die historische Evidenz der von außen bestimmten Identität hat sich beispielsweise sehr deutlich in den Anfangsjahren der UdSSR gezeigt. Damals in den frühen 20er Jahren des 20sten Jahrhunderts wurde beratschlagt wie man die vielen einzelnen zentralasiatischen Völker in einer Weise in die Union eingliedern kann um eine Identität und damit auch eine ideologische Verbundenheit zu erzeugen. Als Ergebnis der Integrationsberatungen wurden Grenzen gezogen. Was zunächst recht paradox klingt und den Leuten auch völlig artifiziell vorkam hat über die Jahre hinweg jedoch tatsächlich ein Bewusstsein jener dort lebenden Menschen entwickelt zu einer Nation zu gehören, eine Nation zu sein. Die Nation an sich und damit auch die nationale Identität sind jedoch völlig illusionäre Gedankengebäude, die von außen bestimmt und errichtet wurden um die jeweiligen Herrschaftsverhältnisse und Ideologien zu stärken. War es die UdSSR die zentralasiatische Völker zu Nationen machte, so waren es beispielsweise auch die Kolonialherren in Afrika die ohne jede Rücksicht uralter Besonderheiten mit dem Lineal gezogene Grenzen aufgrund finanzieller Interessen oder eben weil es der Kolonialbetrieb erfordert gezogen haben.

Diese Beispiele machen eines deutlich – egal welchen Teilaspekt der individuellen Identität wir auch heranziehen er wird bisweilen wohl schon wieder selbst das Ergebnis von Grenzziehungen sein. Der Versuch unterdes den Urzustand wieder herzustellen, also die „richtige Grenze“ die unter das Rad der Geschichte gekommen ist, ist damit absolut illusorisch. In Wirklichkeit werden wir es immer mit einer Mischung zu tun haben, die historisch gewachsen ist und sich stetig weiterentwickelt hat.

Der historisch gewachsene Identitätsbegriff will sich auch in dem menschlichen Selbstverständnis wiederfinden. Anstelle von physisch, geografischen werden hier mentale Grenzziehungen vorgenommen. Religionen, Kulturen und nicht zuletzt auch unsere eigene Wahrnehmung der Welt spielen uns ein Bild der menschlichen Identität vor, welche die Grenzen ganz klar setzt. Sie werden auch hier nicht anders als bei den afrikanischen Kolonialherren mit angesetztem Lineal in unsere Vorstellungswelten gezogen. Sie bilden damit die mentale Grenzen durch deren Transparenz wir unser tagtägliches Leben führen. Überschreitet man diese, so die allgemeine Konnotation, wird die ursprüngliche Identität verwässert und der (menschlichen) Entfremdung Tür und Riegel geöffnet.

Die Entfremdung des Menschen von sich selbst, von seiner ursprünglichen Identität wird in der gegenwärtigen Diskussion oft als eine Folge von unserer stark technisierten Welt angesehen. Die conditio humana wird dabei auf Merkmale festgelegt, die unsere gegenwärtige Gattung eben aufweist wenn sie auf die Welt kommt. Sie wird als der Goldstandard, ja als die Krone einer Schöpfung betrachtet, die als Referenz für jegliche menschliche Betrachtung herhalten muss. Das Hinterfragen der kolonialisierten Grenzziehungen in unseren Vorstellungswelten wird damit sehr effizient verhindert und eine vermeintlich geordnete Gesellschaft erzeugt.

Doch was ist diese ursprüngliche Identität des Menschen überhaupt? Welchen Referenzmaßstab setzen wir hier an? Und ist das menschliche Selbstverständnis, also seine Identität nicht vielmehr genauso eine historisch Gewachsene wie jegliche andere Identitätsbildung (Individuell oder innerhalb einer Gruppe) im zeitlichen Verlauf (siehe Beispiel der zentralasiatische Staaten)?

Die Identität als etwas absolutes zu begreifen und die Angst der Entfremdung und Verwässerung des wirklich Eigenen setzt grundsätzlich auf einem falschen Fundament auf. Es spiegelt ein absolutes Denken wider, welches die Welt und damit auch uns Menschen in statisch anmutende Gegensätze unterteilt. Die Veränderung, die Unmöglichkeit zweimal in denselben Fluss zu steigen wird verneint um bestimmte Absolutwerte im kollektiven Gedächtnis zu behalten, um die geheuchelte Ordnung zu bewahren. Was jedoch gebrandmarkt wird ist der Zugang der uns allen zusteht, der Zugang zu uns selbst und zu dem was uns umgibt.