Identitätsverständnis im Cyborg Zeitalter (Grenzentexte I)

Die Menschen bauen zu viele Mauern und nicht genügend Brücken. Diese Feststellung scheint wohl zeitlos, keinem momentanen Zeitgeist untergeordnet. Zu Zeiten Newtons, der diesen Satz Ende des 17ten Jahrhunderts fallen ließ waren Mauern als Befestigungsanlage einer Stadt noch das zentrale Abwehrmittel zum Schutz vor Angreifern.

Die Mauer als Grenze zwischen denen die innerhalb und denen die außerhalb der Mauern sind, war jedoch neben dem Aspekt des Abwehrmittels auch eine physische Errichtung mentaler Identitätsbildung. Identität als ein Konstrukt, welches auf der Unterscheidung von innen und außen beruht benötigt somit, so scheint es zumindest, die Grenze als das trennende Element. Die Grenze bildet also den Übergang, der nötig ist um dem Chaos eine Struktur zu geben. Eine Struktur, die der Mensch doch ach so dringend braucht um sich seine Existenz jeden Augenblick auf´s neue selbst zu schaffen. Wir sind nun mal kein Stein, der einfach in der Landschaft liegt und ist, sondern um zu sein müssen wir erst handeln und um zu handeln brauchen wir Struktur.

Die Identität als solches kommt also nicht mit einer wie auch immer gearteten eindeutigen Essenz, einem unveränderlichen Wesen daher, sondern ist eine konstruierte Entität. Das Individuum hat keine Identität sondern bildet sich eine – ja genauer gesagt, lässt sich eine bilden. Der Passiv des letzten Halbsatzes legt es nahe, wann immer wir von Identität sprechen meinen wir damit nicht nur das wirklich Persönliche, Eigene, sondern immer auch die Annahme von Wesensmerkmalen einer Gruppe, der bestehenden Gruppenidentität. Das Element der Fremdbestimmung und Zuschreibung der eigenen Identität schwingt damit immer mit und konstituiert eine jede Identität gewollt oder ungewollt. Die historische Evidenz der von außen bestimmten Identität hat sich beispielsweise sehr deutlich in den Anfangsjahren der UdSSR gezeigt. Damals in den frühen 20er Jahren des 20sten Jahrhunderts wurde beratschlagt wie man die vielen einzelnen zentralasiatischen Völker in einer Weise in die Union eingliedern kann um eine Identität und damit auch eine ideologische Verbundenheit zu erzeugen. Als Ergebnis der Integrationsberatungen wurden Grenzen gezogen. Was zunächst recht paradox klingt und den Leuten auch völlig artifiziell vorkam hat über die Jahre hinweg jedoch tatsächlich ein Bewusstsein jener dort lebenden Menschen entwickelt zu einer Nation zu gehören, eine Nation zu sein. Die Nation an sich und damit auch die nationale Identität sind jedoch völlig illusionäre Gedankengebäude, die von außen bestimmt und errichtet wurden um die jeweiligen Herrschaftsverhältnisse und Ideologien zu stärken. War es die UdSSR die zentralasiatische Völker zu Nationen machte, so waren es beispielsweise auch die Kolonialherren in Afrika die ohne jede Rücksicht uralter Besonderheiten mit dem Lineal gezogene Grenzen aufgrund finanzieller Interessen oder eben weil es der Kolonialbetrieb erfordert gezogen haben.

Diese Beispiele machen eines deutlich – egal welchen Teilaspekt der individuellen Identität wir auch heranziehen er wird bisweilen wohl schon wieder selbst das Ergebnis von Grenzziehungen sein. Der Versuch unterdes den Urzustand wieder herzustellen, also die „richtige Grenze“ die unter das Rad der Geschichte gekommen ist, ist damit absolut illusorisch. In Wirklichkeit werden wir es immer mit einer Mischung zu tun haben, die historisch gewachsen ist und sich stetig weiterentwickelt hat.

Der historisch gewachsene Identitätsbegriff will sich auch in dem menschlichen Selbstverständnis wiederfinden. Anstelle von physisch, geografischen werden hier mentale Grenzziehungen vorgenommen. Religionen, Kulturen und nicht zuletzt auch unsere eigene Wahrnehmung der Welt spielen uns ein Bild der menschlichen Identität vor, welche die Grenzen ganz klar setzt. Sie werden auch hier nicht anders als bei den afrikanischen Kolonialherren mit angesetztem Lineal in unsere Vorstellungswelten gezogen. Sie bilden damit die mentale Grenzen durch deren Transparenz wir unser tagtägliches Leben führen. Überschreitet man diese, so die allgemeine Konnotation, wird die ursprüngliche Identität verwässert und der (menschlichen) Entfremdung Tür und Riegel geöffnet.

Die Entfremdung des Menschen von sich selbst, von seiner ursprünglichen Identität wird in der gegenwärtigen Diskussion oft als eine Folge von unserer stark technisierten Welt angesehen. Die conditio humana wird dabei auf Merkmale festgelegt, die unsere gegenwärtige Gattung eben aufweist wenn sie auf die Welt kommt. Sie wird als der Goldstandard, ja als die Krone einer Schöpfung betrachtet, die als Referenz für jegliche menschliche Betrachtung herhalten muss. Das Hinterfragen der kolonialisierten Grenzziehungen in unseren Vorstellungswelten wird damit sehr effizient verhindert und eine vermeintlich geordnete Gesellschaft erzeugt.

Doch was ist diese ursprüngliche Identität des Menschen überhaupt? Welchen Referenzmaßstab setzen wir hier an? Und ist das menschliche Selbstverständnis, also seine Identität nicht vielmehr genauso eine historisch Gewachsene wie jegliche andere Identitätsbildung (Individuell oder innerhalb einer Gruppe) im zeitlichen Verlauf (siehe Beispiel der zentralasiatische Staaten)?

Die Identität als etwas absolutes zu begreifen und die Angst der Entfremdung und Verwässerung des wirklich Eigenen setzt grundsätzlich auf einem falschen Fundament auf. Es spiegelt ein absolutes Denken wider, welches die Welt und damit auch uns Menschen in statisch anmutende Gegensätze unterteilt. Die Veränderung, die Unmöglichkeit zweimal in denselben Fluss zu steigen wird verneint um bestimmte Absolutwerte im kollektiven Gedächtnis zu behalten, um die geheuchelte Ordnung zu bewahren. Was jedoch gebrandmarkt wird ist der Zugang der uns allen zusteht, der Zugang zu uns selbst und zu dem was uns umgibt.