Mensch-Maschine Brücken und Neuro-Enhancement

Letzte Woche fand der 13. Bundeskongress politische Bildung statt. Neben einzelnen Sektionen, die jeweils aktuellen Themen der politischen Bildung gewidmet waren, wurden ebenfalls eine Reihe interessanter Workshops angeboten.

Ich hatte mich sehr über eine Einladung als Referent der Sektion “Leistungskörper” für die Leistungsgesellschaft? Der getunte Mensch gefreut (Link zu meinem Thesenpapier). Moderiert von Jürgen Wiebicke, diskutierte ich zusammen mit Dr. Dimitris Repantis von der Charité (Autor des Neuro-Enhancement Memorandum), Dr. Wiebke Rögener-Schwarz von der TU Dortmund (Autorin des Buches “Hyper Hirn”) und Dr. Roland Kipke von der Universität Tübingen. Der Inhalt unseres Gesprächs drehte sich verstärkt um die ethischen Fragestellungen rund ums Neuro-Enhancement, sowie im weiteren Sinne um Human Enhancement (hier eine Zusammenfassung der Diskussion von der Bundeszentrale für politische Bildung).

Im Folgenden dazu mein Eingangsstatement, welches ich auf dem Kongress vorgetragen hatte:

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Leistungskörper und Enhancement – um in die Thematik einzusteigen, möchte ich zwei einführende Beispiele anhand von Oscar Pistorius und Dick Cheney geben.

Oscar Pistorius wurden mit 11 Jahren beide Beine abgenommen. Mit dem Ziel ein möglichst „normales“ Leben zu führen bekam er zwei Prothesen und trug diese wie andere Kinder Schuhe und Hosen tragen.

In seiner Autobiographie beschreibt er wie er in früher Kindheit mit seinem Bruder GoKart Fahrten unternahm und sein Bruder, wenn es gefährlich wurde, kurzerhand seine Prothesen schnappte und als Bremsklötze benutzte.

Was also ursprünglich als medizinischer Behelf gedacht war, ist im Spiel der Jungen bereits zum Enhancement geworden – denn nur über das starke Abbremsen mit Hilfe der Prothesen konnten überhaupt erst schnelle Geschwindigkeiten erreicht werden.

Auch Dick Cheney, der unter Bush Vizepräsident der USA war, hat sich über einen medizinischen Eingriff einen künstliche Pumpe mit Spenderherz einsetzen lassen. Dieser Eingriff der ein erkranktes Organ durch ein Künstliches (zumindest die Pumpe) ersetzt hat folgt dem medizinischen Imperativ, demzufolge Menschen wieder auf „Normalzustand“ wiederhergestellt werden sollen. Medizinische Eingriffe wie beispielsweise der Ersatz durch ein künstliches Organ birgt jedoch auch immer schon wieder Verbesserungen in sich. Höhere mechanische Stabilität, längere Lebensdauer sind dabei nur zwei Merkmale, die inhärent auch in der Medizin – gewollt oder ungewollt – gemacht werden.

Eine definitive Grenzziehung zwischen Therapie/Medizin und Enhancement lässt sich nicht machen. Technische Verbesserungen schleichen sich bereits in die heilende Praxis notwendig mitein.

Mir geht es daher weniger von Grenzen zwischen Mensch und Technik zu sprechen als vielmehr den Fokus auf die „Brücken“ zu legen. Die Brücken, die das Dazwischen regeln und Übersetzungsprozesse zwischen Mensch und Technik behandeln.

Wie sehen die Mensch-Maschine Brücken der Zukunft aus?

Welche Aufgabenverteilung zwischen Mensch und Maschine entstehen und welche Potentiale ergeben sich für diese Verknüpfungen von Biologie und Technologie?

Wie können wir als Gesellschaft bestmöglich an der Konstruktion gemeinschaftlich teilnehmen?

Welche Werte bilden das Fundament dieser Bio-technologischen Brücken – oder anders ausgedrückt – zukünftiger sozialer Beziehungen.

Donna Haraway hat hierzu in ihrem Cyborg Manifesto einen zentralen Satz gesagt:

„Gesellschaftliche Wirklichkeit, d.h. gelebte soziale Beziehungen ist unser wichtigstes polititsches Konstrukt, eine weltverändernde Fiktion“.

Dabei ist wichtig zu sehen, dass soziale Beziehungen mit Hilfe von neuen Medien und Technologien sowohl zeitlich als auch räumlich entkoppelt sind.

Teile dieser sozialen Beziehungen finden virtuell, z.B. auf Plattformen statt, nehmen neue Kommunikationsformen an – eine Vielzahl von tragbaren Geräten und technischer Assistenzsysteme liefern die Infrastruktur dazu.

Mensch-Maschine Brücken bilden also nicht nur Brücken zur Mensch-Technik Kommunikation sondern dienen auch zur Brückenbildung zwischen Menschen. Ein entscheidendes Kriterium, der neuen aufkommenden Mensch-Technik Brücken ist, dass sie in zwei Richtungen begehbar sind. Sie kommunizieren sowohl von Mensch zu Technik als auch von Technik zu Mensch – und das z.T. in sehr direkter Weise.

Während bisherige Werkzeuge also vorrangig das Ziel des Menschen hatten auf seine externe Umwelt einzuwirken, haben die neuen Werkzeuge sehr direkte Wege auf den Menschen zurückzuwirken.

Die Technik besitzt dabei neben Sensoren auch immer mehr Aktuatoren bzw. Stimulatoren, die ein direktes Feedback für den Menschen ermöglichen. Diese Brücken haben das Ziel einen geschlossenen Kreislauf zwischen Mensch und Maschine herzustellen.

Die direkteste Form dieser Art von Rückmeldung von Technik auf den Menschen ist wohl die Stimulation von menschlichem Nervensystem bzw. Gehirn.

Neuro-Enhancement stellt dabei begrifflich mit dem Wort „Enhancement“ die Verbesserung gegenüber einem vorherigem Ausgangszustand in den Vordergrund.

Im Sinne des eben genannten geschlossenen Kreislaufs (Kybernetik), würde ich jedoch die verschiedenen Stimulationsarten des menschlichen Nervensystems nicht prinzipiell als Verbesserung ansehen sondern erst einmal wertneutral, als technische Einwirkung bzw. Rückmeldeform von Technik zum Menschen (ich möchte mich hier erstmal weniger auf das pharmakologische Neuro-Enhancement sondern vielmehr auf Neuro-Enhancement über tragbare/implantierte Brücken/Interfaces (z.B. tDCS , TMS etc.) beziehen).

Erst die Motivationen, die ich mit Neurostimulatoren verbinde, ja erst die konkreten Zwecke die ich damit verfolge (z.B. ein hierarchisches Höherstellen ggü. Mitmenschen, aufgrund erhöhter kognitiver Leistung) sind ausschlaggebend für eine Diskussion bzw. einer gesellschaftlichen Übereinkunft.

Dies macht deutlich, dass die Neuro-Enhancement Debatte keine vorrangig technische sondern stark gesellschaftlich bzw. die gesellschaftlichen Werte orientierte Diskussion ist.

Abschließend möchte ich drei Punkte aufzeigen, die mir bei dieser Diskussion zentral sind.

1. Die Frage des Zugangs zu diesen Mensch-Technik Brücken

2. Neben dem Zugang die Gestaltung der Brücken

3. last but not least eine Wertediskussion, die auf breiter gesellschaftlicher Ebene stattfinden muss

zu 1.: Frage des Zugangs

Es geht also um die Frage „Wie bauen wir eine Grundstruktur für gleichberechtigten Zugang zu den neuen Werkzeugen auf?“

Ich will hier den Gedanken der Plattform an erster Stelle setzen. Es geht um die Errichtung sowohl virtueller also auch physikalischer Plattformen, die eine durchgängige Partizipation der Gesellschaft an Diskussions,- Entwicklungs- und Umsetzungsgedanken beinhaltet.

Diese Plattformen müssen jedem zugänglich, also prinzipiell offen und frei verfügbar sein. Das Ziel ist eine aktive Ideenverbreitung- und teilung, anstelle von geschützter IP und proprietärem Wissen. Ein solcher Plattformgedanke war ebenfalls die Grundidee des Cyborgs e.V., den Verein den ich zusammen mit einer Gruppe von Leuten in Berlin gegründet habe.

Zu 2.: Gestaltung der Brücken

Denn was nutzt mir der Zugang zu Werkzeugen wenn ich nicht weiß wie ich diese bedienen soll und was sie für nachgelagerte Auswirkungen auf mich und meine Umwelt haben.

Es geht also darum auch hoch komplexe technische Systeme und Infrastrukturen für Laien zugänglich und verständlich zu machen, sodass eine mündige Teilnahme an dieser Mensch-Maschine Gesellschaft überhaupt erst möglich wird. Es braucht hierzu Vermittlungswerkzeuge – diese machen die Brücken erst „mündig begehbar und nutzbar“. Sie sehen daher nicht wie eine 96 seitige AGB von Apple aus sondern haben den Zweck virtuelle hoch komplexe Vorgänge auf intuitiv verständliche Module runterzubrechen, verständlich zu machen und teils in physikalischen Objekten wieder greifbar zu machen. Internet der Dinge und Physical Computing sind hier zwei Stichworte, die meiner Meinung nach in Zukunft sehr hohes Potential zur Brückengestaltung bieten.

3.: Wertediskussion

Als dritten Punkt – last but not least – das Anstoßen einer Wertediskussion für eine gleichberechtigte Mensch-Maschine Zukunft. Es geht also um nichts weniger als das grundsätzliche Hinterfragen des kapitalistischen Fortschrittsgedanken und damit der technischen Ausstattung des Körpers mit dem Hauptzweck in einer neoliberalen Gesellschaft mithalten zu können.

Denn, Technik sollte dem Fortschritt & Wachstum des Menschen und nicht des Systems dienen.

Anstatt gleichgeschalteten Leistungskörper- und geistern weitere Unterstützung zu geben, sollten die neuen Werte weniger wettbewerbs- und hierarchieorientiert sein sondern vielmehr in einem humanistischen Sinne, spezifische Talentförderung mit neuen Mensch-Maschine Brücken darstellen. Diversität und Erweiterung der menschlichen Wahrnehmung stehen hier im Vordergrund.

 

 

Brüder Grimm zur “Markus Rehm Debatte”

Es war einmal ein Mann, der verstand allerlei Künste; er diente im Krieg und hielt sich brav und tapfer, aber als der Krieg zu Ende war, bekam er den Abschied und drei Heller Zehrgeld auf den Weg. “Wart”, sprach er, “das lasse ich mir nicht gefallen, finde ich die rechten Leute, so soll mir der König noch die Schätze des ganzen Landes herausgeben.” [...] Und über eine Zeit sahen sie einen, der stand da auf einem Bein und hatte das andere abgeschnallt; und neben sich gelegt. Da sprach der Herr: “Du hast dir’s ja bequem gemacht zum Ausruhen.” “Ich bin ein Läufer”, antwortete er, “und damit ich nicht gar zu schnell springe, habe ich mir das eine Bein abgeschnallt; wenn ich mit zwei Beinen laufe, so geht’s geschwinder, als ein Vogel fliegt.”

Brüder Grimm, Sechse kommen durch die ganze Welt

Receiving phone calls through a finger

Yesterday, I received my first phone call hearing the caller speaking to me out of my left ring finger. Instead of pressing my clumpy mobile phone onto my ear, I realized it’s far more comfortable to have my finger there. Since the microphone is attached to my wrist, (the posture of) my hand is actually quite similar looking to a telephone. We germans, we always used to call mobile phones “handy”, now this totally makes sense to me.

The ways and forms we use digital technology (especially information and communication technologies) today reminds me on early analogue tool use of human. In order to go hunting you would first have to spend a week with preparing your hunting tools and make everything ready to use. Well, I don’t need a week to type in and get a message sent but still, for me it’s just annoying how we interact with technology. I need to spend way too much of my ressources just for the interaction with current human-technology interfaces.

Thus, invisibility and transparent human use of technology was also the goal for my magnetic finger call project. Using my body to communicate independently from time and space sounds quite attracting to me. The technology itself gets into the background and is used as a vehicle to extend my human/cyborg abilities. My body is literally interwoven with other bodies – the voice of the caller directly stimulates my magnetic finger and speaks to me through my body, quite awesome!

 

 

Wikipedia im Kopf

In einem Interview habe ich davon gesprochen, dass es eine Wikipedia in Zukunft vielleicht nicht mehr nur am Bildschirm vor einem betrachtet werden kann, sondern dass Wissensinhalte auf ausgelagerten Servern als integraler Bestandteil mit menschlichen Gehirnen synchronisiert werden könnten.

Die Frage daraufhin:

Braucht es nicht kristalline Intelligenz für die “Wikipedia im Kopf”? Das ist sowieso meine große Frage betreffend dieser Wissensansammlung im Körper, die ja wertlos ist ohne unsere Fähigkeit sie mit unseren Erfahrungen zu verknüpfen.

Abgesehen davon, dass “Intelligenz” so mit als das schwammigste Konstrukt überhaupt in der ganzen Psychologie gilt, muss man die Fragestellung wohl auch zuerst ein wenig aufdröseln. Wenn wir also von einer Mensch-Maschine Verschmelzung im Sinne einer kollektiven Auslagerung von Wissensbeständen sprechen, so muss erstmal geklärt werden auf welcher Ebene das Ganze stattfinden könnte. Also wie sieht die Schnittstelle zur Integration aus – diese kann auf unterster Ebene elektro-neuronal sein (also direkte Anbindung ans Nervensystem und somit ans Gehirn), sie kann aber auch über extern tragbare Devices wie zum Beispiel über Google Glass ansatzweise realisiert werden (Thad Starner erklärt das hier ganz schön).

Ich will erstmal bei dem zweiten Fall, also den extern tragbaren Devices bleiben, da sich dies momentan schon ganz gut nachvollziehen lässt. Man könnte sich also folgendes Szenario vorstellen:

Man sitzt zusammen, diskutiert ein Thema und ein intelligentes wearable verfolgt den Redefluss und blendet Zusatzinformation an geeigneten Stellen visuell ins Sichtfeld ein. Das ist gar nicht so weit entfernt von dem was viele von uns heute auch schon machen, indem sie nebenher im Gespräch auf der Wikipedia nach etwas suchen und dies dann hinterher in die Diskussion miteinbringen – nur mit dem Unterschied, dass alles in Echtzeit (also während dem Sprechen) erscheint und sofort als “eigener” Inhalt mitverwendet werden kann.

Erfolgt diese Integration also so fließend, sodass man keine extra Unterbrechung zum Nachschauen machen muss, ist zwischen kollektiv und individuell, erfahrungsbasierten Wissensinhalten (genauer Faktenwissen) von außen nicht mehr zu unterscheiden.

Im Falle von Wikipedia sprechen wir ja auch eher von Faktenwissen und nicht so sehr von prozeduralem Wissen (also, Wissen welches unseren Handlungen und Prozessen zunutze kommt). Bei Faktenwissen ist dann auch keine zwangsweise Verknüpfung mit Erfahrungen nötig (was jedoch immer von Vorteil ist). Dieses Wissen könnte über entsprechende Algorithmen, die über Spracherkennung die Kontexte der Unterhaltung erkennen, punktuell Vorschläge machen und zu einer vertiefenden Diskussion beitragen.

Kristalline Intelligenz, also die Intelligenz, die auf unseren Erfahrungen im Leben beruht und nicht als fluide Intelligenz angeboren ist, entwickelt sich ja gerade durch die Interaktion mit unserer Umwelt. Ich würde daher argumentieren, dass ausgelagertes, kollektives Faktenwissen welches nahtlos in uns integriert wird und dadurch automatisch mit den jeweiligen Kontexten verknüpft wird, als Teil einer kristallinen Intelligenz angesehen werden kann. Sie ist dann eben nicht mehr individuell, sondern kollektiv erzeugt.

 

Symbiosis

I recently moved out from the city to the countryside.
Here, houses became trees,
streets became streams,
and formerly two-legged animals, mostly became four or more-legged.

It´s kind of new for me,
but on the same time not.
I grew up like that.
But now, after living years in cities,
it seems like, I re-discover that world from a new perspective.

I think, I´m still in an assimilation phase,
my mind is constantly transferring city life concepts to my current surrounding.
When I get to see an anthill for example,
I automatically think of the turkish market at Maybachufer in Berlin.

anthill

My yesterday´s walk was full of what I would call “symbiosis”.
Walking through the forest, I was fascinated by the growing together of different life-forms.
Cuddling, I realized, happens not only on park benches,
but also between trees.

beech-spruce

The couple above is one out of many.
I call it “multi-natural” love.
It shows that also trees don´t make a difference between skin colours.
Again, please excuse my constant anthropomorphising,
but these are my first days here.

Symbiosis here,
doesn´t need to be always as romantic as with the last couple.
In principle, growth, and steady renovation is in the foreground.
That includes that the fall-down of one,
on the same time means the birth and nutrient medium for the other.

The inappropriate separation of destruction and renovation,
of the inside and the outside,
the importance of situatedness,
and the dependence of the point of perspective,
shows the fellow on the next picture.

baum-aussen

Setting the anchor on that tree,
Its skin and form shows destruction and decay from the “outside”.
a change of perspective however,
an inside-view,
shows how death on one side turns into life and living ground on the other side.

baum-innen

Symbiosis creates entirely new appearances.
It is, where necessity turns into beauty.
Using the rotten buddy to reach for sunbeams,
The snapped off spruce is being converted into a beautiful palm.

Baum_Palme-ganz          Baum_Palme-krone

Want a tattoo?
sure, you´ll get it.

wood-efeu2          wood-efeu3

Want some funky body modifications?
sure, no problem either.

tree-mushrooms-ausschn          tree-mushrooms-hang   tree-mushrooms-kleinstumpf          tree-mushrooms-stumpf2

 

Symbiosis, as species interactions,
need time to find the right form of exchange.
Symbiosis doesn´t make a difference of organic and anorganic,
of culture and nature.

cable-wood          cable-wood-human

Symbiosis, seen as different life-forms growing together,
as an ambivalent fact, depending on the viewpoint,
overcomes the concept of life and death,
bears beauty inside,
gives rise to new forms of living and growth,
and puts the focus away from the outside shell,
back onto what drives the exchange from the inside,
the life substance.

 

 

Why Waschsalon?

Heute hatte ich mein erstes mal – Waschsalon. Und es war gut.

Diese 30 – 40 Minuten Schleudergang und der Internetzugang über den Freifunk Potsdam, bieten eine gute Möglichkeit um kurze Blog-Notizen und Gedankengänge aufzuschreiben. In letzter Zeit bekam ich aus unterschiedlichen Ecken, Mails und Anfragen mit sehr interessanten Fragestellungen bezüglich der Mensch-Maschine Verschmelzung.

Ich möchte diese Anstöße nicht nur meinem Postfach und mir zugänglich machen, sondern habe vor die regelmäßigen Waschgänge nun dafür zu nutzen diese Anregungen hier zu bloggen und damit zur offenen Diskussion/Einsicht zu stellen.

Organprojektion nach Ernst Kapp

Ernst Kapp beweist – Karriereplaner haben unrecht wenn Sie sagen man brauche DEN roten Faden im Leben um es zu etwas zu bringen. Genau das Gegenteil – Aufgeschlossenheit für Neues, das konsequente Folgen der inneren Überzeugung sind viel größere Werte als die, die von außen vorgegeben werden. So, nur um das von Anfang an schon mal klarzustellen – das gilt wohl für Kapps Zeiten im 19ten als auch für die heutige Zeit im angehenden 21ten Jahrhundert. Zurück zum Werdegang Ernst Kapps.

Nach einem Studium der Philologie in Bonn war er als Gymnasiallehrer für Geographie und Geschichte in Hamm tätig. 1849 ist er dann nach Nordamerika übergesiedelt und hat mit dem Aufbau einer Baumwollfarm angefangen. Seine liberale Ader hat ihn wohl auch dazu gebracht sich in einer dortig ansässigen Freidenkervereinigung als Präsident zu engagieren sowie bei der Herausgabe der deutschsprachigen San Antonio Zeitung zu beteiligen.

1865 kehrte er schließlich nach Deutschland zurück und schrieb sein Buch „Grundlinien einer Philosophie der Technik“ welches dann 1877 erschien und als das erste genuin technikphilosophische Werk überhaupt gilt. Mit seiner Theorie der Organprojektion hat er nicht nur viele spätere Philosophen wie beispielsweise Gehlen beeinflusst sondern trat auch dem im 19ten Jahrhundert, cartesianisch geprägten mechanistischen Weltbild entgegen.

Kapps Theorie der Organprojektion
Zuallererst zu dem Begriff der „Organprojektion“. Leicht ersichtlich besteht dieses Wort aus zwei Einzelwörtern, dem „Organ“ und der „Projektion“. Ersteres stammt von dem griechischen „organon“ ab, welches sowohl Körperglied als auch Werkzeug bedeuten kann. Auch in der auf unsere heutige Sprache übertragenden Bedeutung wird der Begriff teilweise synonym gebraucht – bspw. „Atmungsorgan“ oder „Atmungsapparat“.

Den Begriff der Projektion verwendet Kapp aus dem Kunst- und Handwerksbereich im Sinne von Entwurf, Plan, Skizze und Nachaußensetzen. Ihm geht es hierbei um das deutlich machen, dass hier etwas von innen nach außen versetzt wird (Ernst Kapp, Grundlinien der Philosophie der Technik 1877, II, S. 30).

Klassische Organprojektion

Betrachtet man nun die menschlichen Organe im Sinne einer vorher beschriebenen Funktion, also als Körperglied und Werkzeug, so kommt einem die Hand wohl als erster offensichtlicher Teil des Körpers in den Sinn der diese Funktionen beinhaltet.

Wir liegen mit dieser Ansicht in guter Gesellschaft mit Aristoteles, der die Hand als „Werkzeug der Werkzeuge“ (Aristoteles: Bau und Leistung der Organe in: Biologische Schriften. Herausgegeben von Herrman Balss, 1943) beschreibt und sie in dreifacher Hinsicht in dieser Funktion sieht. Zum einen als angeborenes Werkzeug, dann als Vorbild für mechanische Werkzeuge und drittens in ihrer Beteiligung bei der tatsächlichen Herstellung von „stofflichen Nachbildungen“. Kapp führt im Grunde diesen Gedanken weiter und sieht daher die ersten Werkzeuge als eine Nachempfindung der Hand. So stellt der Hammer eine Projektion des Unterarmes mit geballter Faust oder die Axt als Fingernägel. Unter Benutzung der in der unmittelbaren Umgebung nächst „zur Hand“ befindlichen Gegenstände erscheinen die Werkzeuge als eine Verlängerung, Verstärkung und Verschärfung leiblicher Organe. Neben der Hand spielen jedoch auch alle weiteren menschlichen Organe eine Rolle bei der Projektion auf technische Artefakte. So stellt dieCamera Obscura eine technische Umsetzung des menschlichen Auges dar. Der Mensch in seinem Wunsch in unbegrenztem Maße auf die Umwelt einwirken zu können, so Kapp, produziert sich in seinen technischen Artefakten stetig selbst. Um dieser menschlichen „Weltbemächtigung“ Folge zu leisten entwickelt der Mensch immer komplexere, der Natur abgeschaute, technische Geräte um sich diesen Wunsch zu erfüllen. Er setzte dabei historisch gesehen zunächst im Inneren (dem eigenen Körper) an, um das Äußere (die Umwelt) zu verändern. Die klassische Organprojektion geht also von Innen nach Außen. Später wurde auch von der Außenwelt, vor allem den Tieren abgeschaut, so wurden zum Beispiel die Flügel der Vögel als Vorlage für Flugzeuge verwendet. Als Motivation galt zunächst der Grundsatz der erfinderischen Not und später der Wunsch nach immer weiterer Optimierung und neuen Möglichkeiten.

Unbewusste und umgekehrte Organprojektion

Es ist dabei keineswegs so, dass der Mensch bewusst nach Nachbildungen seiner Selbst und seiner Umgebung trachtet und dementsprechend die Technik entwickelt. Sie ist in Kapps Sinne vielmehr eine unbewusste Strömung, die den Menschen dazu veranlasst sich stetig selbst zu produzieren. Zu Kapps Zeiten ist die Dampfmaschine, die Universalmaschine die u.a. als Zug- und Lasttier arbeitet, Bücher druckt, Kabel legt usw.. Auch hier sieht er die Organprojektion verwirklicht, so greifen die unterschiedlichen Hebel und Zahnräder wie Knochen und Gelenke ineinander und die Maschine benötigt Nahrung (Kohle, elektrische Energie) um zu funktionieren – genauso wie der Mensch. Das zur Mitte des 19ten Jahrhunderts aufkommende Telegraphennetz sieht er in diesem Kontext als menschlich-organisches Nervennetz. Ein einzelner Nervenstrang gleiche dem Telegraphenkabel. „Die Nerven sind Kabeleinrichtungen des tierischen Körpers, die Telegraphenkabel sind Nerven der Menschheit! Und wir fügen hinzu, sie müssen es sein, weil das charakteristische Merkmal der Organprojektion das unbewusste Vorsichgehen ist.“ (Ernst Kapp, Grundlinien der Philosophie der Technik 1877, II, S. 79)

Mit diesem Beispiel verdeutlicht er auch, dass die Organprojektion auch umgekehrt sein kann, d.h. dass zuerst die technische Erfindung gemacht wird und dann eine Erklärung bzw. eine Projektion in Umkehr auf den Menschen bzw. die Natur gemacht wird. Ähnlich wurde in der Psychologie, Ende der 50er Jahre auch die sogenannte kognitive Wende aufgrund von metaphorischen Überlegungen zur Computertechnik ins Leben gerufen. Mit der Entwicklung der Informatik wurde das menschliche Gehirn mehr und mehr mit Computern verglichen und umgekehrt.

Kritische Würdigung

Kapp sieht den Menschen und die ihm wahrnehmbare Umwelt als Ausgangspunkt für seine Theorie der Organprojektion. „…Ausgangspunkt ist der Mensch, der ja bei Allem was denkt und tut, ohne von sich selbst abzufallen, von nichts Anderem ausgehen kann als von sich, dem denkenden und handelnden Selbst.[...] der Mensch, so weit nur immer von urältester Zeit bis zur Gegenwart Dinge mit von seiner Hand herrührender Spuren und Veränderungen für sein Dasein zeugen. Dieser nur ist der feste Punkt für den Beginn und für das Ziel alles Wissens. Zeugt er doch überall und immer für sich Selbst!“ (Ernst Kapp, Grundlinien einer Philosophie der Technik 1877, II, S.33).

Auf gewisse Weise setzt Kapp damit den Menschen und der ihm empfängliche Umwelt als Maximalmaß seiner kreativen, schöpferischen Kraft. Eine Organprojektion kann immer nur in dem Ausmaß geschehen, in welcher der Mensch sich selbst zu einer bestimmten Zeit seiner Evolution sieht. Er spricht damit implizit einer Entwicklung der Technik aus sich selbst heraus ab und setzt den Maßstab am Menschen an. Eine starke künstliche Intelligenz würde im Kapp´schen Sinne also immer auch das Ziel verfolgen uns als Menschen immer wieder zu reproduzieren und uns in dieser umgekehrten Projektion zur Selbstdeutung dienen. Der Ursprung komplexer Technik könnte jedoch vielmehr in der Beschaffenheit der Wirklichkeit liegen. Eine Wirklichkeit, die dem Menschen nicht zugänglich ist. Die Projektion von Innen nach Außen in der klassischen Organprojektion sowie die Projektion von Außen nach Innen in der Umgekehrten stellt also immer nur eine intrasystemische Projektion des Menschen (in seinem Mensch System) dar und vernachlässigt die Wirklichkeit als Gesamtsystem. Die immer weiter fortschreitende Auflösung des „inneren“ und „äußeren“ Menschen ist setzt dabei der Kapp´schen Theorie eindeutige Grenzen und zwingt zu einer umfassenderen holistischen Systemsicht.